Sonntag, 31. August 2014

Mein Großvater - Ein Leben in den Bergen

Jahrgang 1892 - Die österreichische Generation der Frontsoldaten

Am 20. und 21. Juli 1936 ging ein Aufschrei durch die internationale Presse von Berlin über Paris, London bis nach New York und Sydney: Ein erneuter Versuch der Erst-Durchsteigung der Eiger-Nordwand war gescheitert. Das "Drama an der Nordwand": Alle vier beteiligten Bergsteiger waren ums Leben gekommen. Ein guter Bergsteigerkamerad meines Großvaters, der Salzburger Edi Rainer, war einer der vier Toten.

Dieses Drama ist in den vielen Jahrzehnten seither vielfach literarisch und filmisch aufgearbeitet worden. Unter anderem mit Schauspielern wie Luis Trenker (1962), Clint Eastwood (1975) oder Benno Führmann (2008) (9-13). Schon im Vorjahr, 1935, hatte der erste Versuch einer Durchsteigung in den Schweizer Alpen ein tödliches Ende gefunden. Seit dieser Zeit heißt eine Stelle in der Nordwand das "Todesbiwak".

Abb. 1: Ölgemälde meines Großvaters Wilhelm Schaufler (1892-1950)
Vom 1. bis 16. August 1936 sollten die Olympischen Sommerspiele in Berlin stattfinden. Und Adolf Hitler hatte für die Erstdurchsteiger der Eiger Nordwand eine Goldmedaille ausgesetzt. Auf Wikipedia wird weiterhin über die politische Bedeutung dieses Dramas berichtet:
Der deutsche Botschafter in Österreich, Franz von Papen, unterzeichnete am 11. Juli 1936 das sogenannte Juli-Abkommen mit Österreich, das von Deutschland als Vorstufe zum Anschluss Österreichs gesehen wurde. Die deutsche Propaganda nahm mit Freude die Nachricht auf, dass am Fuß des Eigers Seilschaften aus Deutschland und Österreich darauf warteten, in die Wand einsteigen zu können. Ein gemeinsamer Aufstieg und Gipfelsieg wäre ein willkommenes Symbol auch für einen Zusammenschluss auf politischer Ebene gewesen.
Bei den vier Toten handelte sich um Toni Kurz aus Berchtesgaden und Andreas Hinterstoißer aus Bad Reichenhall, 23 und 21 Jahre alt. Diese beiden leisteten damals als Gebirgsjäger Dienst in Bad Reichenhall. Außerdem handelte es sich um die beiden Österreicher Willy Angerer und Edi (Eduard) Rainer, 24 und 27 Jahre alt. Edi Rainer war - wie gesagt - ein guter Bergkamerad meines damals fünfzehn Jahre älteren Großvaters. Mein Großvater, der damals in Zell am See lebte, sammelte deshalb alle ihm erreichbaren Zeitungsberichte über diese Tragödie.

Abb. 2: Edi Rainer links, Willy Angerer rechts
Und wenn man das bescheidene, zurückgenommene Gesicht von Edi Rainer auf einem überlieferten Foto sieht (Abb. 2), dann kann man sich schon denken, dass er und mein Großvater sich gut verstanden haben. (Und es wird einem dann auch schon hierbei klar, dass die Darstellung dieser beiden Menschen in dem Benno Führmann-Film aus dem Jahr 2008 mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben kann.) In einem von meinem Großvater aufgehobenen Zeitungsartikel vom 24. Juli 1936 ("Nr. 168", wohl aus den "Salzburger Nachrichten" oder ähnlich) wird das Schicksal von Edi Rainer ausführlich behandelt. Er war laut dieses Berichtes
ein Salzburger, der vor etwa zwei Jahren nach Deutschland geflüchtet ist. Der 26jährige Eduard Rainer, Handelsangestellter in Salzburg, galt allgemein als ein vorzüglicher Alpinist und Skiläufer. Es war für seine hochachtbaren Eltern ein schwerer Schlag, als der Sohn gleich vielen anderen den Lockungen der nationalsozialistischen Politik zum Opfer fiel und sich verleiten ließ, sogar "aktive Politik" zu machen.
Rainer wurde deshalb, wie weiter berichtet wird, verhaftet, konnte aber während eines Krankenhausaufenthaltes mit Hilfe eines Komplizen nach Deutschland fliehen, was "damals einiges Aufsehen erregt" hatte, so der Bericht:
Rainer wurde wie alle seine Leidensgenossen in die Legion eingereiht.
Mit "Legion" ist die "Österreichische Legion" gemeint. Auf Wikipedia heißt es über diese (Wiki):
Eine ab 1933 aufgestellte paramilitärische Einheit, die sich aus ins Deutsche Reich geflüchteten österreichischen Nationalsozialisten rekrutierte. Ihre Mitglieder, überwiegend SA-Männer, wurden zunächst in verschiedenen Lagern Bayerns militärisch ausgebildet und bewaffnet und waren für einen eventuellen deutschen Einmarsch in Österreich vorgesehen.
Nach dem gescheiterten Putsch gegen Dollfuß im Juli 1934 traf diese Legion aber den Zorn Hitlers, so heißt es, aufgrund dessen sie
im August 1934 ihre gesamten Waffenbestände (10.300 Gewehre und Karabiner, etwa 340 MG, 1.300.000 Schuss Munition) an die Reichswehr abliefern musste und von ihren Standorten nahe der österreichischen Grenze abgezogen und in Lager im Norden des Reiches verlegt wurde.
So unter anderem nach Bocholt in Westfalen (s. Marius Lange). Vielleicht kann eine nähere Beschäftigung mit der Geschichte dieser "österreichischen Legion" (14) auch aufklären, welche Motive diese beiden österreichischen Bergsteiger leiteten, ob sie vielleicht sogar einen offiziellen oder halboffiziellen Auftrag hatten. (So wird es auch in der Verfilmung angedeutet, allerdings nur sehr "diffus".) Die Mutter von Eduard Rainer hatte - nach dem oben zitierten Zeitungsbericht - gerade erst eine Ausreisegenehmigung erhalten, um ihren Sohn in Deutschland besuchen zu können. Womöglich war diese Genehmigung schon in Ausblick auf einen erwarteten Erfolg an der Eiger-Nordwand geschehen? Weiter heißt es in dem Zeitungsbericht:
Die Aussöhnung mit Deutschland mag wohl seine letzten Lebenstage mit einiger Hoffnung erfüllt haben, dass es im Laufe der Zeit wieder ermöglicht sein würde, Heimat und Eltern zu sehen.
Wenn ich jedenfalls weiß, dass ein so bescheidener und zurückhaltender Mensch wie mein Großvater mit Edi Rainer befreundet war, bekomme ich gleich einen ganz anderen Blick auf dieses damalige legendäre Geschehen in der Eiger-Nordwand. Weder nach der Fotografie von ihm, noch nach dem Charakter meines Großvaters kann ich mir denken, dass es sich bei Edi Rainer um einen typischen "SA-Rabauken" gehandelt hat.

Das Drama an der Eiger-Nordwand (1936)

Die vier Bergsteiger müssen sehr schlichte, einfache Menschen gewesen, wahrscheinlich gar nicht geeignet als Objekte "spektakulärer" Verfilmungen, wie sie seither erschienen sind. Auf Wikipedia wird berichtet:
Im Juli 1936 befanden sich die Deutschen Toni Kurz und Andreas Hinterstoißer sowie die Österreicher Willy Angerer und Edi Rainer in Wartestellung unterhalb der Nordwand. Sie stiegen am 18. Juli, zunächst als konkurrierende Seilschaften, auf der gleichen Route in die Wand ein. (...) In der Wand schlossen sich die Seilschaften zusammen. (...) Nach einem gemeinsamen Biwak am Rande des zweiten Eisfeldes setzten sie den Aufstieg fort, kamen aber nur 200 Höhenmeter weiter. Dies bedeutete ein weiteres Biwak. Am folgenden Tag kamen sie weiterhin nur langsam voran und erreichten, gebremst durch den verletzten Angerer, das Todesbiwak. Das Quartett beschloss nun, gemeinsam abzusteigen. In der nächsten Biwaknacht kam es zu einem Wettersturz. Als sie auf dem Rückweg wieder zum Quergang gelangten, hatten die Felsen einen Eisüberzug, und damit war ihnen der Weg abgeschnitten. Einzige Möglichkeit blieb das direkte Abseilen. Sie erreichten eine Stelle oberhalb eines Stollenlochs der Jungfraubahn, wo sie vom Bahnwärter entdeckt wurden. Kurze Zeit darauf riss eine Lawine bis auf Toni Kurz alle Bergsteiger am 21. Juli in die Tiefe.
Andreas Hinterstoißer stürzte bis zum Fuß der Wand in den Tod. Toni Kurz und Willy Angerer waren zu jenem Zeitpunkt von Edi Rainer durch das Seil gesichert worden. Durch die Wucht ihres Sturzes wurde er vom Seil nach oben bis an den Haken gegen eine Felsspitze geschleudert, wobei er einen starken Schlag gegen das Zwerchfell erhielt. Eingeklemmt und bewegungsfähig quälte er sich wohl noch eine Stunde lang, bis er starb. Willy Angerer wurde durch den Sturz gegen die Wand geschleudert und hing tot im Seil unterhalb von Toni Kurz, der die Lawine als einziger überlebte. Aber auch er konnte nicht gerettet werden:
Wegen der schlechten Bedingungen in der Wand misslangen alle Rettungsversuche.
Die Rettungsmannschaft der Schweizer Bergwacht brachte sich trotz der flehentlicher Hilferufe von Toni Kurz über Nacht in Sicherheit und Kurz musste die ganze Nacht über allein und bei Minus-Graden am Seil hängen - über sich und weiter unter sich je einen Toten am Seil. Über den nächsten Vormittag heißt es:
Zuletzt bekam der geschwächte Kurz beim Abseilen den Knoten eines zusammengeknüpften Seils nicht durch seinen Karabiner, so dass er wenige Meter über den Rettern hängend starb.
Wie auch heute noch bei schweren Bergunglücken - etwa bei dem Tod des Bruders von Reinhold Messner - hatten diese Ereignisse viele und kontroverse öffentliche Erörterungen im Gefolge. - All das hat jedoch nicht gehindert, dass von den sieben Kindern meines Großvaters fast alle eine große Liebe zu den Bergen und zum Bergsteigen in die Wiege gelegt bekommen haben, so wie mein Großvater selbst sie als Salzburger in die Wiege gelegt bekommen hatte.

Abb. 3: Mönchsbergstiege in Salzburg - In diesem Haus ist mein Großvater aufgewachsen (Aufnahme aus dem Jahr 1981)
Mein Großvater - ein Österreicher

Nachdem anderwärts hier auf dem Blog schon mein Opa väterlicherseits behandelt worden ist - ein ganz anderes Leben im Havelland, dem Herzland Preußens - bietet es sich an, im vorliegenden Beitrag die Familienalben und -erinnerungen weiter zu durchforsten und ähnlich auch meinen Großvater mütterlicherseits zu behandeln. Nämlich den Österreicher Wilhelm Leonhard Oswald Schaufler (1892-1950) (1). Beide Großväter lebten 700 Kilometer entfernt und wussten nichts voneinander.

Abb. 4: Oktober 1920 - Foto aus dem "Meldungsbuch des außerordentlichen Hörers Wilhelm Schaufler" an der "Universität zu Wien"
In diesem Beitrag werden Fotos aus den Familienalben gebracht zusammen mit einer kleinen Auswahl jener Landschaftsbilder, die mein Großvater gemalt hat, und die noch heute die Wohnungen seiner Kinder und Enkelkinder schmücken. Dazwischen eingestreut wird über das berichtet, was über sein Leben noch in Erfahrung zu bringen ist. Wie mit dem eingangs gebrachten Bezug zur Eiger-Nordwand finden sich in diesem Leben, wie wir sehen werden, immer einmal wieder Bezüge zu allgemeineren zeitgeschichtlichen Geschehnissen.

Abb. 5: Die Hochzeit meiner Großeltern in Tamsweg im Lungau am 6. Mai 1938
Mein Großvater wurde in Salzburg geboren und ist dort zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bruder Alfred bei seinen Großeltern aufgewachsen. Denn ihr Vater ist früh gestorben. Die Großeltern der beiden Brüder stammten aus der vornehmen, eigentlich italienischen Adelsfamilie der Nobile Cicogna. Diese hatte Ende des 16. Jahrhunderts sogar den 88. Dogen von Venedig gestellt und aus ihr sind bis ins 20. Jahrhundert viele höhere Beamte der österreichisch-ungarischen Monarchie hervorgegangen. Die Großeltern besaßen in Salzburg ein Haus an der Mönchsbergstiege, wo sie zusammen mit der unverheirateten Tante Olga lebten. Die Mutter meines Großvaters war 1866 "im Kanonendonner von Custozza" zur Welt gekommen, wie es in der Familienüberlieferung heißt.

Salzburg war natürlich eine Stadt, in der rundum die Berge zum Bergsteigen und -klettern auffordern. Die Kindheitserinnerungen des Salzburger Schriftstellers Karl Springenschmid (1897-1981), der fünf Jahre jünger war als mein Großvater, können davon einen Eindruck vermitteln. Wie die Biographie Springenschmids (2) überhaupt manche Parallelen zu der meines Großvaters aufweist, etwa auch was die spätere Anteilnahme an der völkischen Bewegung der Zwischenkriegszeit betrifft, sowie die Nähe zum Nationalsozialismus in dessen Verbotszeit in Österreich. Und so wie Karl Springenschmid in seiner "Waldgänger-Zeit" nach 1945 die Erfahrungen des österreichischen Klerikalfaschismus, des Dritten Reiches und der Kriegszeit verarbeitete, so hatte auch mein Großvater in anderer Weise nach dem Krieg viel zu verarbeiten. Beide suchten dazu Zuflucht in den Bergen und in künstlerischer Betätigung. (Dass mein Großvater Springenschmid - zumindest als Romanschriftsteller - kannte, ist allerdings nicht überliefert.)

Abb. 6: Mein Großvater beim Malen in den Bergen, 1930er Jahre
Von Oktober 1911 bis Juli 1913 studierte mein Großvater zunächst vier Semester an der Technischen Hochschule in Wien.

1914 - 18 - "An der russischen Front"

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war mein Großvater von Anfang an als 22-Jähriger dabei. Laut seines "Entlassungsscheines zugleich Kriegsdienstbestätigung" (aus dem Jahr 1919) und seines "Hauptgrundbuchblattes" (1916) hatte er am 1. September 1913 als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst beim Infanterie-Regiment 75 in Salzburg angetreten. Dieses Regiment bestand (laut Internetangaben) zu einem hohen Anteil aus Tschechen, von denen im Kriegsjahr 1917 viele die Front zu den Russen gewechselt haben, also desertiert sind. Am 1. April 1914 war mein Großvater zum Gefreiten befördert worden. Und am 8. August 1914 endete seine Ausbildung. Welche Erinnerungen er wohl hatte von den Tagen in Salzburg, als das Regiment zur Front ausrückte?

Abb. 7: Zell am See, Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
Für den Zeitraum vom 9. August bis zum 3. September heißt es in seinen Dokumenten: "an der russischen Front". Am 28. August 1914 wurde er bei Tomaszow "verwundet durch schweren Fußschuss". Das war in der "Schlacht von Komarów". Was sich hinter diesen spröden Angaben verbirgt, hat meine Großmutter, die neunzehn Jahre jünger war als er und ihn 1933 kennen lernte, in ihren Lebenserinnerungen ein wenig mehr erläutert (3, S. 24):
Sehr beeindruckend waren für mich die Erzählungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, den er nach seiner einjährig-freiwilligen Zeit im Jahre 1913 alle vier Jahre bis zum Kriegsende 1918 mitgemacht hatte (als Leutnant). Zu Kriegsbeginn kam er nach Galizien, wo die Soldaten anfangs auf offenem Feld gegen den Feind (Russen) anrennen mussten. Links und rechts von ihm gab es Tausende von Gefallenen. Ihn traf eine Kugel im rechten Fußgelenk. Am Verbandsplatz wollten sie ihm den Fuß amputieren. Als Offizier ...
(Zu dieser Zeit war er laut der genannten Unterlagen noch Gefreiter, aber er wird Offiziersanwärter gewesen sein)
... konnte er sich dagegen wehren und wurde dann mit dem alten Verband und hohem Fieber ins rückwärts gelegene Krankenhaus befördert. Lange musste er mit Krücken gehen und nur den eisern durchgehaltenen Bewegungsübungen in Salzburg (er ging mit Krücken auf den Untersberg) ist es zu verdanken, dass er so weit wiederhergestellt wurde, dass er später seine Klettertouren (Watzmann Ostwand, Dachstein, Schweiz usw.) mit etwas versteiftem Knöchel machen konnte.
Über die Anfangsschlachten des Ersten Weltkrieges zwischen Russland und Österreich-Ungarn in Galizien gibt es viele Erlebnisberichte, durch die man sich ein genaueres Bild machen kann. Auch der österreichische Maler Oskar Kokoschka hat, wie er in seinen Lebenserinnerungen berichtet als Kürassier und Schwerverwunderter Erfahrungen gemacht, die nicht ganz unähnlich gewesen sein werden denen meines Großvaters. Kokoschka wurde schwer verwundet und musste dann lange Zeit im Spital verbringen und ist für die Heilbehandlung schließlich während des Krieges sogar zu einem Arzt nach Schweden geschickt worden. Auch die Verwundung meines Großvaters brauchte mindestens neun Monate, um auszuheilen. Er verbrachte diese Zeit im "Spital" in Wien bzw. in der Rekonvaleszenz-Abteilung in Neuhaus in Südböhmen.

Abb. 8: 1940/41 - Wilhelm Schaufler mit seinem ältesten Sohn in Zell am See (fotografiert vom Wiener Schwiegervater, der die Fotos selbst entwickelte)
In einem handgeschriebenen Lebenslauf schreibt er über die nachfolgende Zeit:
Mit 16. 3. 1915 wurde ich zum k.u.k. IR Nr. 59 transferiert und rückte am 1. 4. 1915 zum Ersatzbataillon nach Salzburg ein.
Es war dies das Salzburger "Hausregiment", das damals landesweit bekannte "k.u.k. Infanterieregiment Erzherzog Rainer Nr. 59", kurz genannt nur "die Rainer" (Salzburg-Wiki). Am 23. Mai 1915 erklärte Italien Österreich-Ungarn den Krieg. Und Österreich-Ungarn hatte so gut wie keine Truppen, die es an die neue italienische Gebirgsfront schicken konnte, da alle einheimischen Regimenter an der Ostfront eingesetzt waren. Aus diesem Anlass gab es damals erneut viele Freiwilligen-Meldungen. Mein Großvater schreibt in seinem Lebenslauf:
Bei der Kriegserklärung von Italien meldete ich mich, kaum schon marschfähig, freiwillig ins Feld nach Südtirol, kam aber vom 9. 7. bis 9. 9. an die russische Front. Durch Überanstrengung verschlechterte sich mein verwundeter Fuß, dass ich vom 10. 9. bis 8. 12. ins Spital und anschließend in die Reserveabteilung des IR 59 kommen musste.
Im "Hauptgrundblatt" heißt es dazu am 20. Dezember 1915:
Als tauglich zu Hilfsdiensten als Schreiber zu verwenden (...). Das Gebrechen ist durch die (...) Militärdienstleistung herbeigeführt worden.
Er war dann ein Jahr lang beim Ersatzbataillon 59 bzw. beim Stationskommando Salzburg tätig. Am 11. Februar 1916 wurde er hierbei zum "Zugführer", am 1. März zum "Kadett", am 7. September zum "Fähnrich der Reserve" und am 14. November zum "Leutnant im Ruhestand" befördert. Dabei heißt es wiederholt:
Als zum Truppendienste im Heer untauglich zu Lokaldiensten geeignet. - Als felddienstuntauglich zu Ausbildungsdiensten geeignet. - Als zum Truppendienste im Heere untauglich zu Lokal- und zu Ausbildungs- und Fliegerdiensten geeignet.
Ab dem 1. Januar 1917 besuchte er für acht Monate die Reserve-Offiziers-Schule in Stejr-Freistadt. Nach weiteren zwei Monaten beim Ersatzbataillon in Salzburg gehörte er fast ein Jahr lang offenbar zu den wachhabenden Offizieren des Kriegsgefangenenlagers Mauthhausen. Dann heißt es in seinen Papieren:
3. 9. 17 - 1. 11. 18 russ. Kgf. Komp. 218 AZA 54a in Montenegro
Was sich dahinter verbirgt, wäre noch einmal genauer zu untersuchen. Offenbar bewachte er russische Kriegsgefangene. Im März 1918 kam es zum berühmten Frieden von Brest-Litowsk zwischen den Mittelmächten und Russland und zeitweise gab es Überlegungen, dass die russischen und/oder ukrainischen Kriegsgefangenen auch auf Seiten der Mittelmächte eingesetzt werden könnten, so wie die nach Rußland desertierten Tschechen in der Roten Armee gegen die Mittelmächte eingesetzt wurden. Was genau mit den russischen Kriegsgefangenen in Montenegro gemacht wurde, muss an dieser Stelle offen bleiben.

Abb. 9: Zell am See - Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
Meine Großmutter berichtet über diese Zeit nur sehr skizzenhaft. Dass mein Großvater Kriegsgefangene bewachte, scheint ihr gar nicht mehr in Erinnerung gewesen zu sein. Sie schreibt weiter (3, S. 24f):
Wieder eingerückt, kam er nach Bosnien und Herzegowina, Montenegro (das damals zu Österreich gehörte). Die Soldaten waren dort sehr durch die Partisanen gefährdet und durften sich nicht vom Zuge entfernen. Als Offizier hatte er jedoch die Möglichkeit, sich nicht an diese Anordnung zu halten. Zum Aquarellieren suchte er sich oft malerische Plätze aus. So bemerkte er eines Tages plötzlich einen Schatten auf dem Aquarellpapier. Hinter ihm stand ein Partisan mit einem Gewehr! Er malte ruhig weiter und der Schatten verschwand nach einiger Zeit. - Er musste oft in Lebensgefahr gewesen sein.
Und:
Als der Rückzug im Oktober und November 1918 stattfand, war die Truppe bereits von der Hauptarmee abgetrennt, in einer Schlucht eingeschlossen und von Partisaninnen bewacht. In der Nacht konnten sie sich durch Überfall auf die Partisanen retten. Halbverhungert konnten sie sich in Gewaltmärschen zur Hauptarmee durchschlagen und fanden dort nur mehr als Proviant bereits mit Petroleum übergossene Brotlaibe vor, die dem Feind nicht in die Hände fallen sollten. Solch einen Brotlaib hat er auf einen Sitz verzehrt.
Und (3, S. 28):
Damals musste er leider auch sein Pferd mit dem ganzen Gepäck und allen drei Skizzenbüchern aus dem Krieg in eine Schlucht stürzen. Beim Rückzug haben nur mein Mann und ein zweiter deutsch-österreichischer Offizier eintausend Soldaten nach Wien zurückgebracht. Die tschechischen, ungarischen, italienischen Offiziere usw. der k.u.k. Monarchie ließen damals die Truppen im Stich und kehrten heim in ihre Heimatländer. Die Ungarn wollten anfangs keine Eisenbahnwaggons für die Rückfahrt nach Wien und Verpflegung für die heimkehrenden Soldaten stellen. In Wien angekommen, war dort schon die Revolution ausgebrochen, die Monarchie abgeschafft und den Soldaten wurden die Achselstücke von den Schultern gerissen.
Der Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie. Von den damaligen Ereignissen blieb das Leben meines Großvaters geprägt wie das fast aller Angehöriger seiner Generation, der Generation der "Frontsoldaten". Vom 30. November 1918 liegt dann ein Urlaubsschein vor für "dauernde Beurlaubung" des "Leutnant der Reserve Wilhelm Schaufler", ausgestellt vom "Ersatzbataillon des Infanterieregiments Erzherzog Rainer Nr. 59" in Salzburg. Und vom 31. März 1919 dann jener "Entlassungsschein zugleich Kriegsdienstbestätigung", ausgestellt von derselben militärischen Einheit, der hier schon zitiert worden ist.

Abb. 10: Etwa 1944 - "Tante Traudel", ein "Pflichtjahrmädchen", mit den Kindern der damals rasch wachsenden Familie
1919 - Fortsetzung des Studiums unmöglich

Ein Jahr später wird Wilhelm Schaufler dann "außerordentlicher Hörer" an der "Universität zu Wien". Aber über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schreibt er in seinem Lebenslauf:
Da ich nach dem Kriege mittellos war, konnte ich meine Studien nicht fortsetzen und fand endlich eine Stelle als Erzieher und Lehrer für Handfertigkeit und Werkstättenleiter an der Bundeserziehungsanstalt für Knaben in Wiener Neustadt von 1. 4. 1920 bis 13. 9. 1923. 
Danach war er für eineinhalb Jahre "als Beamter" - also offenbar in der Verwaltung - einer Baufirma tätig (1923 und 1924). Und dann wechselten noch einmal halbjährlich Arbeitslosigkeit, Anstellung als "Beamter" bei einer Expeditionsfirma und wieder Arbeitslosigkeit. Erst mit dem 1. April 1926 - also in der Zeit der wirtschaftlichen Stabilisierung - bekam er eine Daueranstellung beim Landesarbeitsamt Salzburg. Dort arbeitete auch sein Bruder Alfred. Noch im gleichen Jahr 1926 wurde mein Großvater Mitglied im Verein für Höhlenkunde Salzburg. Und am 4. Juni 1929 Mitglied des Salzburger Turnvereins. Am 1. November 1929 wurde er schließlich als Amtleiter des Arbeitsamtes Tamsweg im Lungau eingesetzt.

Abb. 11: Sommer 1945 - Mein Großvater (hinten), meine Großmutter (am Kinderwagen) und ihre lachenden Kinder beim Spaziergang in Zell am See
Die erste von ihm eingegangene Ehe scheiterte früh. Der Sohn, der aus dieser Ehe hervorging, kam in den 1930er Jahren beim Spielen mit Munition ums Leben. Für die Jahre 1928 und 1929 haben sich Auszüge aus dem Tourenbuch meines Großvaters erhalten. In diesem sind folgende Touren verzeichnet:
1928
28./29.2. Leoganger Steinberge, 30.2.-4.3. Glockner, 6.3. Diretissima Stuhlwand Urberg, 7.-8.7. Kommersee, 14.-15.7. kleine Watzmann Ostwand, 21.-22.7. Watzmanneck Bartolomä, 29.7. Sumpf (?), 5.8. Sumpf, 11./12.8. Barolomä Wand, 15.8. Berchtesgadener Hoch... Kamin (...)
1929
1.1. Roßfeld, 6.1. Roßfeld, 12./13.1. Stahlhaus, Schneiber, 20.1. Zistel, 26.1. Rauhenbichel, 27.1. Ehrentraudisalm, 3.2. Untersberg, 10.2. Zistel, 16./17.2. Tennengeb. Wieselstein (?), 23./24.2. Watzmannkind, 2./3.3. Hochkönig, 9./10.3. Wieserhörndl, 16./17.3. Berchtesgadener ... (?), 19.3. Untersberg Diretissima
Die seelischen Erschütterungen persönlicher und allgemeiner Art nach dem Ersten Weltkrieg werden auch meinen Großvater sehr bald der völkischen Bewegung nahe gebracht haben wie so viele vormalige Frontsoldaten jener Zeit, die zugleich oft auch Mitglied des Turnerbundes und des Alpenvereins waren.

Wie mein Großvater Tannenbergbund- und Ludendorff-Anhänger wurde, berichtet meine Großmutter in ihren Lebenserinnerungen nicht. Es wird dies über seinen Bruder Alfred geschehen sein, der in Salzburg eine völkische Buchhandlung betrieb und dort die sogenannte "Geschäftsstelle der Deutschen Volkshochschule Salzburg" leitete.

1931 - Erich Ludendorff in Salzburg
"Die Tages des Christentums sind gezählt!" 

Damals gab es Pläne, eine dezidiert Katholische Universität Salzburg zu gründen. Diese Pläne sind von Seiten der katholischen Kirche bis zum Jahr 1962 weiter betrieben worden. Erst dann nahm man sie als gescheitert hin, worauf sich die katholische Kirche 1980 entschloss - unter maßgeblicher Beteiligung des späteren Papstes Joseph Ratzinger -, die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt zu gründen. Dass es nie zu einer Katholischen Universität Salzburg gekommen ist, dazu leisteten auch die beiden Brüder Schaufler einen vielleicht nicht unbedeutenden Beitrag. Im Jahr 1931 organisierte Alfred Schaufler nämlich in Salzburg eine aufsehenerregende Veranstaltung des Ludendorff'schen Tannenbergbundes gegen die Gründung einer solchen Katholischen Universität. Sie fand statt vom 8. bis 13. September 1931. Gewicht bekam diese Protestveranstaltung insbesondere durch die persönliche Teilnahme von Erich und Mathilde Ludendorff (4, 5).

Das Ehepaar Ludendorff besichtigte aus diesem Anlass, wie sie in ihren Lebenserinnerungen schreiben, die Festung Hohensalzburg und das Mozarthaus. Inhaltlich und verantwortlich geleitet worden war diese Tagung von einem Dr. Georg Stolte aus Hannover. Dieser war Leiter des damals bestehenden "Tannenberg-Studenten-Bundes" (4, 5), dem auch Alfred Schaufler angehört haben wird. Dieser trat als Veranstalter der Tagung auf zusammen mit dem "Tannenbergbund / Landesverband Deutsch-Österreich". Weitere Einzelheiten zu dieser Tagung sind in einem parallelen Blogbeitrag zusammengetragen (5). Auch ist dort die Rolle behandelt, die Alfred Schaufler und mein Großvater Wilhelm Schaufler dabei spielten. Erich und Mathilde Ludendorff waren nicht zufrieden mit der Organisation dieser Tagung wie sie in ihren Lebenserinnerungen schreiben.

Diese Veranstaltung ist in ähnlicher Weise noch einmal ein Jahr darauf wiederholt worden. Diesmal ohne die persönliche Anwesenheit Erich und Mathilde Ludendorffs (5).

1932 - Die Kirchenglocke läutet für eine "verlorene Seele"

Erich Ludendorff hat in seiner Ansprache in Salzburg unter anderem die Worte ausgerufen: "Die Tage des Christentums sind gezählt!" Mein Großvater ist wenig später aus der katholischen Kirche ausgetreten. Leider erwähnt meine Großmutter die ganze Tagung in ihren Lebenserinnerungen nicht. Doch erwähnt sie, wie mein Großvater im Jahr 1932 aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. Dies war Voraussetzung, um Mitglied der kirchenfreien weltanschaulichen Vereinigung der Ludendorff-Bewegung "Deutschvolk e.V." werden zu können. Der "Deutschvolk e.V." war die Vorgänger-Organisation des "Bundes für Deutsche Gotterkenntnis (Ludendorff)", der 1937 gegründet wurde, und der mit Unterbrechungen bis heute besteht (heute: "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)"). Meine Großmutter berichtet (3, S. 23):
Mein zukünftiger Mann war schon 1932 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Er hat mir erzählt, dass der Pfarrer dies auch in der Tamsweger Kirche beim Sonntagsgottesdienst öffentlich verkündet hat und der Mesner die Kirchenglocken für die „verlorene Seele” läuten musste. Zur Entschädigung für diese Mühe erhielt dieser von meinem Mann ein Trinkgeld von zwei Schillingen.
Abb. 12: Oktober 1932 - Aufnahme in die weltanschauliche Vereinigung "Deutschvolk e.V." mit persönlicher Unterschrift Erich Ludendorffs
1932 - Astrologische Interessen

In einem ziemlich deutlichen Gegensatz zu diesem Beitritt zum "Deutschvolk e.V." stehen die lebenslangen astrologischen Interessen meines Großvaters. Er glaubte zwar eigentlich nicht daran, wie meine Großmutter später ihren Kindern erzählte. Er war also nicht von der Astrologie überzeugt. Aber das sagen ja auch heute noch fast die meisten, die sich trotzdem vergleichsweise intensiv mit ihr beschäftigen. Er erstellte Horoskope für alle seine sieben Kinder. "Erstaunlicherweise" (!) sollten sogar einige der Angaben in den Horoskopen sich im späteren Leben - zumindest eines seiner Söhne - als richtig herausgestellt haben!!!

Meine Großmutter hat die Horoskope und etwa sieben astrologische Bücher meines Großvaters auch noch nach seinem Tod aufgehoben. Da sich aber in der Familie niemand mehr für diese interessierte, wurden sie nach dem Tod meiner Großmutter nicht mehr aufgehoben. Seitdem der Autor dieser Zeilen von der großen Bedeutung der Astrologie in der völkischen Bewegung der 1920er und 1930er Jahre erfahren hat (siehe anderweitige Blogbeiträge), empfindet er darüber ein wenig Bedauern.

Von Erich und Mathilde Ludendorff sind solche astrologischen Interessen früh und außerordentlich scharf abgelehnt worden. Immer wieder haben beide in ihren Aufsätzen und Büchern die Astrologie als eine Volksgefahr und der Sache nach als eine "Einstiegsdroge" für weitere okkulte Verblödung dargestellt.

Als Beispiel sei angeführt, was Erich Ludendorff am 13. Dezember 1932 zwar nicht in einem öffentlichen Aufsatz in seiner Wochenzeitung, aber in den „Verordnungsblättern“ seines "Tannenbergbundes" geschrieben hat (zit. n. Mensch und Maß, 2002, auf hohewarte.de; Hervorhebung nicht im Original):
Solange die Deutschen auf jeden theosophischen, ariosophischen, pansophischen Schwindel, auf Neugeist und Mazdaznan, auf sogenanntes armanisches, nordisches Weistum und Weihtum, oder den nordischen, kosmischen Christus hereinfallen, ist den Deutschen nicht zu helfen. Sie müssen doch in der Lage sein zu prüfen, ob das, was ihnen entgegengebracht wird, dem Selbsterhaltungswillen dienen oder ob es ihn schwächen soll … Bei der Verblödung der Deutschen spielt Astrologie ja eine ganz besondere Rolle. Jeder Anhänger der Astrologie ist aus dem Tannenbergbund zu entlassen, er hat nicht die einfachsten Begriffe deutschen Denkens in sich aufgenommen und ist deshalb nur ein Schaden für den Bund … Der Kampf gegen Geistesverblödung muss tatkräftig aufgenommen werden. Es ist heute das erkannte Streben der überstaatlichen Mächte, die Regierenden durch Erpresserstrippen oder Okkultismus usw. an sich zu ketten und im Volk durch "Laienapostel", ebenfalls durch Okkultismus aller Art, den Selbsterhaltungswillen zu schwächen. Tannenberger dürfen sogenannten germanischen Glaubensgemeinschaften nicht angehören, erst recht nicht irgendeiner "Gesellschaft" wie "Deutscher Orden" usw. oder sonstigen "Vereinen", in denen Geheimorden sichtbar wirken, wie in vielen kulturellen, namentlich sogenannten germanischen, arischen Kulturbestrebungen.
Es ist eigentlich kaum denkbar, dass meinem Großvater und seinem Bruder Alfred diese Gegnerschaft des Ehepaares Ludendorff gegenüber der Astrologie entgangen sein können.

1933 - Wie der Großvater die Großmutter nahm

Im Jahr 1933 lernte mein Großvater meine Großmutter Ingeborg Willner (1911-1996) kennen. Dies geschah geradezu "wie im Roman" mitten im Gebirge. Meine Großmutter stammte aus einer vormals wohlhabenden Wiener (vormals schlesischen) Familie. Ihr Vater hatte in Gießen Agrarwissenschaften studiert und verwaltete in der Zwischenkriegszeit jene landwirtschaftlichen Güter in Österreich, die vormals im Besitz der Habsburger waren. Als seine aufgeweckte und vielseitig interessierte Tochter Medizin studieren wollte, riet er ihr aber davon ab. Deshalb lernte sie Krankenschwester. Diese junge 22-jährige Wiener Krankenschwester machte nun 1933 mit ihrem Vater und ihrer Schwester eine Bergtour in den Schladminger Tauern. Ehrfürchtig sahen sie oben im Gebirge einen Maler sitzen. Der Vater knüpfte ein Gespräch mit diesem an und bat ihn, seine beiden Töchter auf einen der nächsten Gipfel zu führen.

Nachdem sie von dort zurückgekehrt waren, sagte der Vater meiner Großmutter: Hast Du gesehen, der hatte am Revers einen Ludendorff-Adler. Den kannte meine Großmutter noch gar nicht, obwohl sie zu jener Zeit schon mehrere philosophische Bücher von Mathilde Ludendorff gelesen hatte (darüber ggfs. noch einmal in einem anderen Beitrag). Abends auf der Hütte merkte sich mein Großvater die Adresse, die meine Großmutter auf eine Postkarte nach Hause nach Wien schrieb. Und er knüpfte dann einen Briefkontakt mit ihr an.

Abb. 13: Etwa 1955 - Meine Großmutter mit fünf ihrer sieben Kinder
1937 - Meine Großmutter zieht nach Tamsweg im Lungau

Sie besuchten sich in den nächsten vier Jahren gegenseitig und machten gemeinsame Wanderungen und Bergtouren. Die offizielle Eheschließung war - aufgrund des damals herrschenden Klerikalfaschismus in Österreich - gebunden an den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938. Meine Großmutter berichtet darüber, wobei fast jeder ihrer Sätze noch genauerer zeitgeschichtlicher Erläuterung und Einordnung bedürfte, so kompliziert lagen damals die Dinge (3, S. 23):
Da wir trotz beiderseitigen Kirchenaustrittes uns den damals für den Staat Österreich geltenden katholischen Kirchengesetzen unterwerfen mussten und nicht heiraten konnten, auch nicht zusammenziehen durften, da wir sonst im „Konkubinat” gelebt hätten und in diesem Falle mein Mann seine Stellung im Arbeitsamt als Angestellter im Staatsdienst verloren hätte, bemühte er sich für mich um eine Arbeit in Tamsweg, die er im Jahre 1937 bei Dr. Menz, als Ordinationsgehilfin fand. Ich musste mir extra ein Zimmer nehmen und bei meiner Vorgängerin innerhalb von vierzehn Tagen das Anfertigen von Zahnprothesen und Goldkronen erlernen. Dr. Menz hatte vormittags Allgemeine Praxis, nachmittags und Sonntag Vormittag wurde die Zahnbehandlung für die Bauern des Lungaues durchgeführt. Auch den Warteraum musste ich putzen. Die Bauern ließen besonders im Winter Wasserlachen vom an den Schuhen anhaftenden Schnee zurück. Die Gipsarbeiten und das Vulkanisieren der Zahnprothesen mussten im Zahnbehandlungsraum durchgeführt werden, ebenso das Schleifen. Es erforderte gute Einteilung und schnelles Wegräumen, um immer wieder alles sauber und ordentlich zu haben. Auch musste mein Mann, der schon viel früher mit seiner Arbeit fertig war, oft lange an unserem Treffpunkt und Badeplatz an der Taurach auf mich warten. In diesem Jahr lernte ich trotzdem den Lungau im Sommer und im Winter gut kennen.
Meine Großmutter war ja gelernte Krankenschwester, keine Zahnarzthelferin.

1938 - Dr. Menz, der "Vater des Lungaus"  

Was aus diesen Worten nicht hervorgeht, was aber aus inzwischen erschienener zeitgeschichtlicher Literatur (6-8) entnommen werden kann, ist der Umstand, dass dieser Dr. Menz gar nicht "irgendwer" war. Es handelte sich um den Sprengelarzt Dr. Otto Menz (1890-1980). Er war Mitglied der illegalen österreichischen NSDAP. 1938 ist er Kreisleiter der NSDAP geworden, wie man Angaben im Internet entnehmen kann und wie meine Großmutter ebenfalls in ihren Lebenserinnerungen andeutet. Schon im März 1931 war Dr. Menz zu Salzburger Gemeindewahlen als Redner der NSDAP aufgetreten. Es wird berichtet (6, S. 65, 67):
... Darunter auch der Tamsweger Arzt und spätere Kreisleiter Dr. Otto Menz, der eigentlich zu dieser Zeit noch Lungauer Gauleiter der Großdeutschen Volkspartei war.
Menz wurde während des Ständestaates - natürlich - als politisch unzuverlässig beurteilt (8, S. 45, 105). 1938 wurde er nun kommissarischer NSDAP-Kreisleiter des Lungau und "residierte" in der Bezirkshauptmannschaft Tamsweg (pdf). In einer Radiodokumentation aus dem Jahr 1988, deren Manuskript 2008 in die Geschichtszeitschrift Salzburgs übernommen wurde, heißt es über Otto Menz (7, S. 44):
Nach übereinstimmenden Berichten vieler Zeitzeugen dürfte auch der Lungauer Kreisleiter Dr. Menz nicht zu den Scharfmachern gezählt haben.

Zeitzeuge: „1938 hat der Lungau dadurch, daß der Kreisleiter so eine imponierende Persönlichkeit war und der Kreisleiter der Vater des Lungaues, der Arztvater des Lungaues genannt werden darf, hat der Kreisleiter in seiner gerechten Art usw. zum Beispiel bei der Vergebung der verschiedenen Posten z. B. Ortsgruppenleiter usw. keinen Rowdy in seinen Mitarbeiterstab hineingenommen. Da könnte ich Namen nennen, Leute, die sich in der Verbotszeit da irgendwie hervorgetan haben bei irgendeiner Rauferei usw., die hin und wieder schon entstehen konnten, und die geglaubt haben, sie haben nun die Verdienste, da hat der Dr. Menz von vornherein Ordnung geschaffen.“

Die Hilfsbereitschaft des Arztes Dr. Menz wird auch von Gegnern des Nationalsozialismus anerkannt. Manche mittellose Lungauer wurden kostenlos behandelt oder erhielten kleine Zuwendungen. In Tamsweg herrschte überhaupt ein anderes Klima als in den übrigen Nazihochburgen im Lungau. Die Halleiner Schulschwestern mußten zwar den Kindergarten aufgeben und die Schulen räumen, im Krankenhaus konnten sie aber bleiben. Dort wirkte mit Dr. Ellmautaler die ganze NS-Zeit hindurch ein erklärter Gegner des Regimes als Primar. Kreisleiter Dr. Menz war Konsiliararzt.
Diese Schilderungen und der Bericht meiner Großmutter scheinen bestätigen und ergänzen sich gegenseitig sehr gut. Würde meine Großmutter heute noch leben, könnte sie diesem Bericht sicherlich noch viele Einzelheiten hinzufügen. Zu ihren Lebzeiten ist mir allerdings nie klar gewesen, daß sie Zahnarzthelferin eines regional- und zeitgeschichtlich keineswegs so unbedeutenden Zahnarztes gewesen ist. Betont und herausgestellt hat sie das jedenfalls nicht, auch nicht in ihren Lebenserinnerungen. Für sie war er ein Mensch wie jeder andere, allerdings ein hilfsbereiter.

Abb. 14: Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
31. März 1938 - Hermann Göring im Lungau

Wie gestaltete sich der Anschluss im einzelnen im Lungau? Dabei spielte Hermann Göring eine große Rolle. Dieser hatte nämlich eine ganz besondere Beziehung zum Lungau. Auf Wikipedia steht darüber:
Hin und wieder besuchte der junge Hermann Göring die Familie Epenstein auf Schloß Mauterndorf (ca. 90 Kilometer südlich von Salzburg), das er später „die Burg seiner Jugend“ nannte.
Und ähnlich auch noch einmal zum Mai 1945:
Nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 (...). Auf eine Frage, wohin er nun wolle, antwortete er: „Auf die Burg meiner Jugend.“ Er begab sich am 7. Mai 1945 auf die Fahrt zur Burg Mauterndorf (Österreich), und da es unsicher war, ob es den sowjetischen Streitkräften nicht doch noch gelingen würde, ins Murtal, also bis in den Salzburger Lungau vorzustoßen, entschied er sich, nach Schloß Fischhorn im Salzburger Pinzgau zu fliehen.
In "besseren Tagen" (aus der Sicht Görings), nämlich als Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, besuchte Göring den Lungau. Und das war für den Kreis natürlich eine große Angelegenheit (7, S. 21-23):
Das Spektakel des Jahres spielte sich am 31. März in Tamsweg und Mauterndorf ab. Anscheinend der ganze Lungau war auf den Beinen, um Hermann Göring zu begrüßen, der von Graz kommend in seine Wahlheimat einzog. Alle Orte entlang der oberen Muhr und speziell die Strecke zwischen Tamsweg und Mauterndorf waren mit Triumpfbögen und Fahnen geschmückt und 13 Sonderzüge der Muhrtalbahn wurden eingesetzt, um die Menschenmassen heranzukarren. Die erste Begrüßung auf Lungauer Boden fand in Tamsweg statt. Die Tauernpost berichtete ausführlich:

„Dann bestieg Herr Bürgermeister Rath die kleine Rednertribüne vor dem Rathaus, gab seiner Freude Ausdruck, daß er als erster nationalsozialistischer Bürgermeister des Lungaues die Ehre habe, Herrn Generalfeldmarschall in unserer Mitte begrüßen zu können, teilte mit, daß der Marktplatz von heute ab Adolf-Hitler-Platz genannt werde, bat den Herrn Ministerpräsidenten um die Erlaubnis, die Kirchengasse, durch die die Weiterfahrt gehen werde, nunmehr Hermann Göring-Straße nennen zu dürfen und teilte dem Herrn Feldmarschall weiter seine Ernennung zum Tamsweger Ehrenbürger mit. Er schloß seine Rede mit einem dreifachen Sieg-Heil auf unseren geliebten Führer Adolf Hitler und den Getreuesten seiner Getreuen, Hermann Göring."

Der Empfang in Mauterndorf wurde laut „Tauernpost“ zur größten Veranstaltung, die der Ort je gesehen hatte. In seiner Rede ging Göring geschickt auf die miserablen Verkehrsbedingungen im Lungau ein und verfügte spontan, daß die Muhrtalbahn zu einer zweigleisigen Normalspurbahn mit Anschluß nach Radstadt ausgebaut werden müsse. Mit den Vorarbeiten sei sofort zu beginnen. Weiters sei in Turrach eine Eisenhütte zu errichten. Auch der Ausbau der Wasserkräfte im Lungau müsse in Angriff genommen werden, damit auch der entfernteste Bergbauer seinen Licht- und Kraftstrom beziehen könne. Für die Landwirtschaft versprach Göring Kredite und Beihilfen. Zum Abschluß geißelte er die religionsfeindlichen Bestrebungen der Kommunisten, mit denen sich Schuschnigg im letzten Augenblick noch verbünden wollte. Nach dieser Rede marschierten zu Ehren des Generalfeldmarschalls der Samson und die Zwerge auf und mehrere Trachtengruppen boten ländliche Tänze. Die Ehrenbürgerschaft erhielt Göring angeblich wegen seiner Verdienste um die Wasserleitung. Die Ernennung erfolgte allerdings schon am 15. März und somit lange vor Baubeginn.

In der illegalen Zeit wurde die Lungauer NSDAP von der Steiermark aus betreut. Nach dem Anschluß sollte der Bezirk auch politisch von Salzburg abgetrennt werden. Das konnte nur Göring verhindern!

Zeitzeuge: „1938, in den Märztagen, hat es auf ein Mal geheißen: So, der  Lungau gehört zur Steiermark. Das hat die Lungauer so bestürzt und so enttäuscht, daß wirklich absolut keine Freude aufgekommen ist, im Gegenteil, man hat den Kreisleiter Dr. Menz und den Organisationsleiter und noch einen Dritten förmlich bestürmt, sie müssen sofort nach Berlin fahren zu Göring und müssen Göring bitten, daß das wieder in Ordnung gebracht wird. Und sie sind nach Berlin gefahren und der Göring hat sie empfangen und hat zuerst gesagt: „Meine Herren, geographisch gehört der Lungau zur Steiermark." Dann hat er sie eine Zeit warten lassen und dann hat er gesagt: „Dem Herzen nach gehört der Lungau zu Salzburg." Und da waren sie natürlich dann glücklich, sind heim gefahren und dann ist eigentlich erst im Lungau der Anschluß mit Freude gefeiert worden.“
6. Mai 1938 - Meine Großeltern können heiraten

In den im Jahr 1990 niedergeschriebenen Erinnerungen meiner Großmutter stellten sich diese Ereignisse rund um den Anschluß folgendermaßen dar (3, S. 26):
Der Anschluß Österreichs an das Dritte Reich im März 1938 wurde auch im Lungau groß gefeiert. Mein Chef Dr. Menz war damals Kreisleiter als Arzt und überließ die Ordination oft meiner Betreuung. Leider konnte ich die Patienten meist nur auf später vertrösten. Zur Feier des Anschlusses kam Hermann Göring in den Lungau, der in seiner Kindheit die Ferien oft im Schloß Mauterndorf verbracht hatte. Auf einer großen Wiese bei Mauterndorf wurden Tribünen mit Hakenkreuzfahnen errichtet, wo Göring mit Ansprachen von Dr. Menz empfangen wurde. Die Bevölkerung des ganzen Lungaus wurde mit Lastautos herangeschafft, um eine „Volksbewegung” auf die Beine zu stellen. Auch die Prangerstangen, der Samson und die Zwerge aus Zederhaus wurden aufgeboten. In Tamsweg gab es am nächsten Tag noch einen Fackelzug. Ich konnte alles aus nächster Nähe mitmachen, war damals schon im siebenten Monat schwanger und wußte, daß wir nun heiraten können.
Das deutsche Ehegesetz wurde allerdings in Österreich erst im Juli eingeführt, doch gab es ja noch das alte Gesetz von 1925 über die Dispensehe. Das Gesuch dazu ging mit der Befürwortung von Dr. Menz an den Landeshauptmann von Salzburg. Allerdings kannte sich niemand mit den Bestimmungen aus und das Gesuch wurde irrtümlich nach Wien geschickt, wo es gut unter einem Aktenberg geruht hätte, wenn Dr. Menz nicht der Sache nachgegangen wäre.
Am 3. Mai kam endlich die Bewilligung und nach dreitägigem Aufgebot konnten wir auf der Bezirkshauptmannschaft in Tamsweg heiraten. Dr. Menz und Herr Eckel waren unsere Trauzeugen. Meine Mutter und Schwester Helga trafen aus Wien ein und brachten Grüße von meinem Vater mit. Ich hatte die Geburt von Gernot (dem ersten Sohn) erst am 20. Mai erwartet, er kam aber schon am 12. Mai auf die Welt, sechs Tage nach unserer Hochzeit. Er war somit "ehelich" geboren. Meine Adoption durch Tante Olga war also nicht notwendig gewesen. Unser Hochzeitstag wurde gefeiert mit einem schönen Maienspaziergang durch blumige Almwiesen mit kleinen Stiefmütterchen und vielen hölzernen Zäunen, die überstiegen werden mußten.

Die preußischen Beamten, die dann auch nach Tamsweg ins Arbeitsamt kamen, machten sich hier wie anderwärts in Österreich nicht gerade beliebt, wie meine Großmutter weiter berichtet.

Abb. 15: Aquarell von Wilhelm Schaufler (1892-1950)
1938 bis 1950 - Jahre in Zell am See

Am 12. Mai 1938 ist also der erste Sohn geboren worden. Ihm folgten in zügiger Abfolge noch sechs weitere Kinder. (Der jüngste Sohn, das siebte Kind, wurde 1947 geboren.) Einige Zeit später konnten meine Großeltern eine Wohnung im Haus von Dr. Menz beziehen (3, S. 27). Allerdings wurde mein Großvater noch im Jahr 1938 nach Zell am See versetzt, um die Stelle als Leiter des dortigen Arbeitsamtes anzutreten (3, S. 28).

Zu dem Leben in Zell am See sind noch einige schöne Fotos in den Familienalben zu finden. Seit 1938 erhielten Familien mit vier oder mehr Kinder 14- bis 15-jährige "Pflichtjahrmädchen" (Wikip., Kollektives Gedächtnis). Meine Großmutter wird somit ihr erstes Pflichtjahrmädchen nach der Geburt ihres vierten Kindes 1942 bekommen haben. Auf Abbildung 10 ist ein solches Pflichtjahrmädchen mit den Kindern zu sehen - im Hintergrund das "Steinerne Meer". Meine Großmutter schreibt über ihre Pflichtjahrmädchen in ihren Lebenserinnerungen:
Ich hatte damals immer Pflichtjahrmädchen zur Hilfe. (Sie hießen Jolanda, Hierlanda, Klara usw.) So konnte ich mehrmals in der Woche in der Mittagspause meinen Mann im Arbeitsamt abholen und wir konnten in eineinhalb Stunden schnell mit der Seilbahn auf die Schmittenhöhe fahren und mit den Skiern abfahren. Der Preis für die Seilbahn war damals niedrig und ich hatte allmählich Übung im Ski Fahren bekommen. 
Eigentlich eine tolle Einrichtung, diese Pflichtjahrmädchen. Warum gibt es das heute nicht? - Eine andere, hier nicht eingestellte Aufnahme entstand vor einem Trafo-Häuschen oder etwas ähnlichem in Zell am See. Interessanterweise scheint an der Tür ein Propagandazettel gehangen zu haben mit den groß gedruckten Worten "Die Tat" und "Das Opfer". Leider ist das kleiner Gedruckte nicht zu entziffern. Mein Großvater war jedenfalls froh, daß er während des Zweiten Weltkrieges "unabkömmlich" gestellt war und nicht ein zweites mal in den Krieg mußte.

Abb. 16: Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
1945 - Geburt des sechsten Kindes, Arbeitslosigkeit des Familienvaters

Ausgerechnet am 8. Mai 1945 brachte meine Großmutter ihr sechstes Kind zur Welt. Zu dieser Zeit waren alle ihre Wiener Angehörigen vor den Russen nach Zell am See geflüchtet (3, S. 31):
Es war der 8. Mai 1945, der Tag an dem die Amerikaner in Zell am See einmarschierten. Da wir Ausgangsverbot hatten und ich nicht wußte, ob mich meine Angehörigen im Krankenhaus besuchen konnten, blieb ich zur Entbindung lieber zu Hause. (...) Alle meine Angehörigen, die von Wien vor den Russen zu uns geflüchtet waren, mußten in die Küche verbannt werden. Ich vernehme noch heute im Geiste das Freudengeschrei aus der Küche, als die Hebamme die Ankunft von G. verkündet hatte.

Die ganze Zeit damals war recht aufregend. Gleich in unserer Nachbarschaft wurde im Hotel Austria amerikanisches Miltär einquartiert. Im Großen und Ganzen ging es uns unter der Besatzungszeit verhältnismäßig gut. Die Amerikaner verteilten Carepakete und ich bekam für die Stillzeit und für die Kinder reichlich Lebensmittel. Nur für die Normalverbraucher gab es ziemlich knappe Zuteilungen. Und ich hatte damals mit den Verwandten 15 Leute zu verpflegen, was oft nicht leicht war. Meine Schwestern und meine Cousine Gisela wurden nach einiger Zeit bei einem Bauern untergebracht und mußten für ihre Verpflegung Bauernarbeit tun. Gisela war ein ganzes Jahr bei Frau Pf. in Thumersbach, bevor sie zu ihrem Vater, der von Schlesien flüchten mußte, zurückkehren konnte (nach Bad Gandersheim).
Wie unterschiedlich mein Großvater und meine Großmutter zu den Zeitereignissen innerlich Stellung nahmen, geht aus dem nächsten Zitat meiner Großmutter hervor.

Warum wurde mein Großvater 1938 Mitglied der NSDAP?

Sie selbst konzentrierte sich ganz auf das Familienleben und hatte damit gewiss genug zu tun. Während mein Großvater, wie sie schreibt, sich "die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen" nahm (3, S. 31f):
Mein Mann war der Erste gewesen in Zell am See, den man wegen seiner Parteizugehörigkeit zur NSDAP entlassen hatte. (...)  An dem Tag, als mein Mann nach Hause kam - nunmehr: „vogelfrei”, fragte ich, was er nun tun wolle. Er sagte: „Malen!” und nahm sein Malzeug und malte ein wildbewegtes Bild vom See mit dem Kitzsteinhorn. Leider wurde es später verkauft. Denn nun mußten wir vom Verkauf der Bilder leben; solange die Leute noch Geld hatten - bis zur Währungsreform - ging dies auch. Viele der schönsten Bilder gingen damals weg. Mir tat es um jedes gute Bild leid. Diejenigen Bilder, die mir besonders am Herzen lagen, ließ ich mir von ihm schenken, um sie vor dem Verkauf zu schützen. Bin ich doch oft bei unseren Wanderungen dabei gewesen, als sie entstanden. (...)

Willi nahm sich die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen. Sah er doch, nun stellungslos, keine Zukunft mehr für sich und die Familie. Da ich noch jünger und optimistischer war, sagte ich manchmal zu ihm: „Wir können noch von Glück sagen gegenüber vielen anderen Menschen, wir leben noch, die Kinder sind gesund, wir haben ein Dach über dem Kopf und sind noch nicht verhungert. Andere sind ausgebombt und haben Angehörige verloren.”
Alle Umstände der Parteizugehörigkeit meines Großvaters, die zusätzlich dazu beigetragen haben können, daß er sich "die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen nahm", sind aus dem Nachhinein nicht mehr restlos zu klären. In einem von ihm niedergeschriebenen Lebenslauf vom 8. April 1948 schreibt er:
Am 1. 4. 1926 wurde ich als Angestellter beim Arbeitsamte Salzburg aufgenommen, wo ich ununterbrochen bis zum 30. 6. 1945 verblieb. (...) Ich war Mitglied der NSDAP (ohne Funktionen und bin als Minderbelasteter eingestuft) und wurde ohne Wissen meiner vorgesetzten Behörde in Salzburg über örtliche Veranlassung von der amerikanischen Militärregierung am 30. V. 1945 meines Dienstes enthoben. Seither war ich als selbständiger Kunstmaler und anerkanntes Mitglied der Berufsgenossenschaft der bildenden Künstler tätig.
Eines der Kinder meiner Großmutter berichtet über die Zugehörigkeit des Großvaters zur NSDAP:
Meine Mutter erzählte nicht allzulange vor ihrem Tod darüber: er wäre als inoffizielles Mitglied geführt worden, was er selbst gar nicht gewußt hätte. Bei der Aufforderung, in die Partei einzutreten (wohl 1938) hätte er dies abgelehnt, aber - österreichisch verbindlich - stattdessen der Partei eine Spende gemacht. Als (vormaliges) Mitglied des Tannenbergbundes wollte er der NSDAP nicht beitreten. Er wäre den politischen Entwicklungen schon in der Anfangszeit der NSDAP kritisch gegenübergestanden im Gegensatz zu seiner Frau, die optimistischer war. 1945 wäre er "denunziert" worden. Unsere Mutter wäre drei mal beim (jetzt kommunistischen) Bürgermeister in Zell am See vorstellig geworden, um die Entlassung unseres Vaters aus der "Strafarbeit" (er schaufelte als Hilfsarbeiter beim Staudammbau in Kaprun) zu erreichen mit dem Hinweis, daß er dieser schweren körperlichen Arbeit nicht gewachsen wäre und die große Familie möglicherweise eines Tages der Gemeinde zur Last fallen werde.
Das Schicksal der Mitglieder des vormaligen Tannenbergbundes und der Ludendorff-Anhänger nach 1933 ist noch wenig erforscht. Zahlreiche landeten im Konzentrationslager. Aber andere sind auch früher oder später der NSDAP oder der SS beigetreten. Noch Anfang der 1940er Jahre beklagten sich Gestapo-Stellen (beim Ludendorff-Anhänger Landesgerichtsdirektor Wilhelm Prothmann [?]), daß dies unverhältnismäßig wenige wären. Umgekehrt sind auch manche vormalige Nationalsozialisten und SS-Männer, nachdem oder weil sie mit der Ludendorff-Bewegung in Berührung gekommen waren und aus der Kirche ausgetreten waren, innerlich in verschiedener Weise auf Distanz gegangen zur NSDAP. Ein gutes Beispiel dafür scheint mir mein Opa väterlicherseits zu sein, über den schon in einem anderen Blogbeitrag berichtet wurde.

Wie dargestellt war mein Großvater Wilhelm Schaufler bis 1936 nicht nur ein guter Freund von Edi Rainer, der offenbar auch aus patriotischen Gründen und in politischen Zusammenhängen von Salzburg ins Reich geflüchtet war, dort Mitglied der österreichischen Legion geworden war 1936 an der Eiger-Nordwand den Tod gefunden hat, sondern er war 1937/38 dem "Vater des Lungau", dem Kreisleiter Dr. Menz, zu viel Dank verpflichtet. Da derselbe ihm so vielseitig geholfen hatte bei der Gründung seiner Familie.

Ob sich mein Großvater deshalb - und weil Dr. Menz offenbar auch nicht zu den "Scharfmachern" gehörte -  bewogen gefühlt hat, einer ihm angetragenen Umwandlung seiner ihm selbst womöglich bis dahin unbekannten inoffiziellen Parteimitgliedschaft in eine offizielle 1938 nicht zu widersprechen - über all das liegt offenbar nichts Gewisses mehr vor. Jedenfalls redet sich mein Großvater 1948 in seinem Lebenslauf nicht lange heraus aus seiner Mitgliedschaft. Wer weiß auch, was der Gefühlsüberschwang des Jahres 1938 bei meinen Großeltern, für die derselbe ja wie geschildert ein doppelter gewesen ist, alles ausgelöst hat.


Mein Großvater hat nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in Zeiten der Arbeitslosigkeit auch von dem Verkauf seiner Bilder gelebt. In dieser Zeit bezeichnete er sich als "Kunstmaler". Aber er hat darauf weder eine Existenz aufbauen können noch wollen.

Abb. 17: Auch mein Großvater mußte Zwangsarbeit leisten in Hallein nach 1945 - Hier Zwangsarbeit bei den Ennskraftwerken vor 1945 (Amazon)
1948 - Wiederanstellung beim Arbeitsamt Kaprun

Meine Großmutter berichtet weiter (3, S. 33):
Im August 1948 konnte Willi wieder in das Arbeitsamt eingestellt werden, doch mußte er nun auf der Außenstelle in Kaprun arbeiten und alle Tage hin und her fahren. Vorher hatte er als Hilfsarbeiter im Tauernkraftwerk arbeiten müssen, da wir nach der Währungsreform ohne Zahlungsmittel dastanden. (...)

Willi hat für den Speiseraum in der Küchenbaracke des Tauernkraftwerkes sieben große Bilder mit Leimfarben gemalt. Es wurden Jagdtiere gewünscht, die er in Landschaften seiner eigenen Skizzen gesetzt hat: Auerhahn auf einer Tanne in Abenddämmerung mit Steinernem Meer als Hintergrund, Gemse mit Großglockner, Murmeltier mit Kitzsteinhorn, Fuchs hinter einem Stein hervorkommend auf dem täglichen Waldweg der Arbeiter zum Lager, balzende Rebhühner usw.
Ob diese Bilder erhalten sind? Der Bau von zwei großen Staumauern für einen Stausee auf 2.000 Metern Höhe, also weit oberhalb der Baumgrenze im schwer zugänglichen Hochgebirge (Hochgebirgsstausee Kaprun), war schon 1928 konzipiert worden. 1955 konnte das Tauernkraftwerk Kaprun schließlich in Betrieb genommen werden (Wik). Mit dem schwer durchführbaren Großprojekt war erst 1938/39 nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich begonnen worden. Der Krafwerkbau spielte vor wie nach 1945 in der Propaganda eine große Rolle als eine heroische Tat des Menschen im Kampf mit den Naturmächten.

Schon während des Krieges wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Der Bau kam aber - laut Wikipedia - in dieser Zeit kaum voran: "Ab 1947 wurde das Projekt mit enormen Mitteln aus dem Marshallplan gefördert." 1955 konnte das Kraftwerk schließlich in Betrieb genommen werden. Welche propagandistische Rolle der Kraftwerksbau in der damaligen Zeit hatte, geht auch noch daraus hervor, daß Heimatfilme wie "Ruf der Wälder" (a) *) aus dem Jahr 1965 auf ihn Bezug nahmen:
In die Filmhandlung wurde das Tauernkraftwerk Kaprun einbezogen, das symbolhaft für den Wiederaufbau Österreichs nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand und in mehreren österreichischen Heimatfilmen der Zeit eine zentrale Rolle spielte. (...) Gedreht wurde in und um Kaprun.
Oktober 1949 - Noch einmal: Malen!

Über die Zeit sechs Monate vor dem Tod meines Großvaters berichtet meine Großmutter (3, S. 30):
Lange hatte er nichts mehr gemalt. Durch das Malen nur zum Verkauf hatte er wohl die Freude und die Fähigkeit verloren, die Naturstimmungen so wie früher mit dem Pinsel zu erfassen. Wie erstaunt war ich - es war sechs Monate vor seinem Tod - als er eines Tages von Kaprun nach Hause kam und mich bat, seine Mappe zu öffnen: Es waren zehn der besten Aquarelle drin, die er in der letzten Zeit in der Mittagspause in Kaprun gemalt hatte.
Das war also etwa im Oktober 1949. Ein halbes Jahr später, am frühen Morgen des 3. Mai 1950, starb mein Großvater ganz überraschend mit 58 Jahren. Womöglich starb er daran, daß er - wie auch mein Opa väterlicherseits - Raucher war, was ihm meine Großmutter nie hatte abgewöhnen können. (Ein genetischer Test des Blogautors bei 23andMe im Jahr 2016 brachte an den Tag, dass es in der Familie eine erhöhte genetisch bestimmte Neigung gibt, an Nikotinsucht zu erkranken. Ebenso übrigens gibt es auch eine erhöhte Neigung zur Glatzenbildung. Beides Eigenschaften, die sich bei beiden Großvätern finden.) Meine Großmutter berichtet (3, S. 30f):
Im letzten Jahr war er oft sehr nachdenklich, sprach nicht viel und ich wußte oft nicht, wo er mit seinen Gedanken war. (...) Damals war Willi befreundet mit dem Arzt Dr. Zoepnick, der auch Aquarelle malte. Er besuchte ihn öfters am Abend. Dr. Zoepenick war wohl damals auch schon krank. Er starb etwas später an Schlaganfall. Als Willi nach Hause kam, so gegen neun Uhr und wir schlafen gingen, ließ ich mir noch erzählen, worüber sie sich unterhalten hätten. Er teilte mir mit, Dr. Zoepnick hätte ihm gesagt, er hätte nach vielen Jahren versucht, wieder zu beten - merkwürdig, was ich davon hielte? - Nun, wir schliefen bald ein. Morgens gegen halb fünf Uhr wachte ich auf durch Willis Stöhnen und nach Luft Schnappen, wie es schon einmal vierzehn Tage zuvor der Fall gewesen war. Damals wachte er dann bald auf und erzählte mir, er hätte geträumt. Er träumte öfters vom ersten Weltkrieg und machte dabei alle Situationen, bei denen er in Lebensgefahr war, noch einmal durch. Bei Wiederholung solle ich ihn wecken. - Ich versuchte es diesmal, richtete ihn im Bett etwas auf. Aber es kam nur noch ein letzter Atemzug nach einem Krampf und das Ende war da.
Meine Großmutter jedenfalls stand nun mit sieben Kindern allein da. Sie war 39 Jahre alt und fühlte sich, wie oben schon zitiert, jung und optimistisch. Sie stammte aus dem Wandervogel, außerdem stammte sie ab von zähen schlesischen, deutschbaltischen und englischen Vorfahren. Die sieben Kinder haben ihren Vater, der gestorben ist, als das älteste der Kinder erst zwölf Jahre alt war, als waren ihnen sehr zugewandt in Erinnerung.

Er bastelte gerne für sie Spielzeug, kleine Kästchen, Utensilien, die bis heute in ihrem Besitz geblieben sind. Alljährlich stellten die Mutter und ihre sieben Kinder - gemäß eines schönen Brauches in Zell am See - zu Weihnachten auf seinem Grab hoch über dem Zeller See ein kleines Bäumchen auf und zündeten daran Kerzen an. Als das Grab aufgelassen wurde, kam der Grabstein auf einen Friedhof an den Bodensee. Unter diesem ist heute unsere Großmutter und einer ihrer Schwiegersöhne begraben.

Abb. 18: Ölgemälde von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)
1996 sagte dieser ihr im späteren Leben am nächsten stehende und ihr am meisten mit Verständis gegenüberstehende Schwiegersohn anläßlich ihrer Beerdigung über sie und den Großvater:
Die beiden stellten ihr Leben unter eine neue und eigene Gottauffassung, fern von den herkömmlichen christlichen Religionen. (…) Aber nur 12 Jahre des erfüllten Zusammenseins waren geschenkt: Wilhelm Schaufler starb unerwartet im Jahre 1950, im Alter von 58 Jahren. Wir Jüngeren bedauern alle es sehr, dass wir ihn nicht selbst näher kennen gelernt haben. Die Bilder, die er malte, sind ein Spiegel seines Wesens. (...) Mutter ist es gelungen, (…) die sieben Kinder zu gesunden, bescheidenen und tüchtigen Menschen heranzuziehen, die alle eine gute Berufsausbildung erhielten, und von denen zwei sogar ein Hochschulstudium durchlaufen konnten.
Über das Leben von Großmutter sicher noch einmal in einem anderen Beitrag.

(zuerst 17.11.2012; letzte Überarbeitungen: 30.8.14, 2.10.16)
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*) Mit den Mitteln des Heimatfilmes (!) wurde schon damals den Deutschen und Österreichern Gastarbeiter-Zuwanderung und -Integration schmackhaft gemacht. Man merkt dem Film aber an, wie das, was heute "normal" ist im Zusammenhang mit Multikulti-Propaganda, damals noch neu und ungewöhnlich war.
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  1. Bading, Ingo: Meine Ahnen und ihre Zeit. Facharbeit 10. Klasse, Realschule Homberg/Efze, Ostern 1982 (unveröffentlichtes Manuskript)
  2. Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid (Biographie). Weishaupt, Graz 1987 
  3. Schaufler, Ingeborg (1911-1996): Meine Wanderungen durch Zeit, Gebirge, Täler und Familien. Lebenserinnerungen über acht Jahrzehnte. Geschrieben von Februar bis Dezember 1990. Als Manuskript im Familienbesitz.
  4. Stolte, Georg (Tannenberg-Studentenbund) (Hg.): Der Kampf um Salzburg. Vorträge und Ansprachen der Deutschen Volkshochschule Salzburg vom 8. - 13. Scheidings 1931. Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931
  5. Bading, Ingo: 1931 - Ludendorffer wider die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg. Studiengruppe Naturalismus, 17.11.2012 
  6. Schausberger, Franz: Alle an den Galgen! - Der politische "Takeoff" der "Hitlerbewegung" bei den Salzburger Gemeindewahlen 1931. Böhlau, 2005 (Google Bücher)
  7. Kolmbauer, Hans; Spatzenegger, Hans: Das achtunddreißiger Jahr im Bundesland Salzburg. Zusammenfassung einer achtteiligen Hörfunkserie. Radio Salzburg, März bis November 1988. Österreichische Widerstandsbewegung prov. Landesleitung Salzburg 1. Mitteilungsblatt. Die Österreichische Demokratische Freiheitsbewegung als Wegbereiter der Demokratie. Programmatisches Rundschreiben. In: Salzburg - Geschichte und Politik, 18. Jahr, 2008, Nr. 1/2, S. 7 - 60 (pdf)
  8. Stock, Hubert: "... Nach Vorschlägen der Vaterländischen Front". Die Umsetzung des christlichen Ständestaates auf Landesebene, am Beispiel Salzburgs. Böhlau Verlag, 2010 (Google Bücher)
  9. Trenker, Luis: Sein bester Freund. Spielfilm 1962
  10. Oswald Oelz, Nadja Klier, Rupert Henning: Nordwand. Das Drama des Toni Kurz am Eiger. 1967
  11. Baur, Gerhard: Der Weg ist das Ziel - Die Eiger-Nordwand-Tragödie 1936. Bayerischer Rundfunk, Spielfilm 1981 oder 1986 (Film.at)
  12. Simpson, Joe: Drama in der Eiger-Nordwand. 2008. Discovery Channel. Dokumentarfilm (Youtube) Nach dem Buch desselben Autors "The Beckoning Silence" (dt.: "Im Banne des Giganten - Der lange Weg zum Eiger") (2003)
  13. Stölzl, Philipp: Nordwand. Spielfilm mit Benno Führmann, 2008 (Youtube)
  14. Lukas Wieselberg: "Österreichische Legion" - Ein Ranking der Nazi-Dichte. In: science.ORF.at, 23.3.2011, http://sciencev2.orf.at/stories/1678805//index.html

Mittwoch, 20. August 2014

Erich Ludendorff im Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit

Sowie mit völkischen und kirchenfreien Zeitgenossen seiner Generation

Daß ein "Militär" wie Erich Ludendorff sich auch mit Naturwissenschaftlern wie Charles Darwin und vielen anderen beschäftigt hat, paßt nicht in das Bild, das man sich von einem durchschnittlichen "preußischen General" macht. Aber doch ist es so. So fern lagen Erich Ludendorff schon familiär bedingt die Naturwissenschaften nicht, war doch sein Bruder Hans an der Sternwarte in Potsdam Professor für Astronomie. Und schließlich war ja auch seine zweite Frau Mathilde Ludendorff Medizinerin und Assistenin des Begründers der naturwissenschaftlichen Psychiatrie Emil Kraepelin.

Aber auch in seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff vom Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit und zwar auch ganz unabhängig von den eben genannten Personen. So schreibt er etwa über das Jahr 1921 und über seine politisch-weltanschauliche Entwicklung vom "Nationalen" zum "Völkischen" (I, S. 175f):
Ich forschte und forschte über unsere Vergangenheit, über die wahren Zusammenhänge unseres politischen Lebens und für die Gewinnung von Grundlagen einer wirklichen Deutschen Volksschöpfung, die allen Stürmen der Zeit Stand halten würde und sich nicht so brüchig erwies wie unser Volksleben im Weltkriege. (...) Zahlreiche Besuche, die ich erhielt, konnten meinem Forschen dienen, andere hielten mich vom Forschen ab. Oft kamen die Besucher besorgten Herzens über die Not des Volkes und des Landes; aber ich war auch für einige "Sehenswürdigkeit".
Bei einigen Besuchern hatte er auch das Gefühl, dass sie ihn aushorchen und bespitzeln wollten, wozu er unter anderem auch die des Justizrates Claß zählte, des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes. Weiter schreibt er:
Ähnlich wie mit den Besuchen ging es mir mit Briefen, die ich als Antwort auf erhaltene Briefe geschrieben habe, so kurz sie auch waren. Ich tat das persönlich, irgendeine Hilfe hatte ich nicht.
Unter seinen Besuchern zählt er auf neben Ausländern die Prinzen des Hauses Hohenzollern, verschiedene christliche Priester wie den Abt Schachleitner, frühere Mitarbeiter der Obersten Heeresleitung (I, S. 178f) und schreibt dann (I, S. 180):
Aus der Zahl der vielen Besuche möchte ich noch einen erwähnen, der für mein weiteres Denken bestimmend war. Es war der Besuch des Professors Kraepelin, Direktor der psychiatrischen Klinik Münchens.
Dieser suchte ihn wegen der Alkoholfrage auf. Dann schreibt Ludendorff (I, S. 182f):
Dem Besuche des Professors Kraepelin folgten noch Besuche der "Rassenhygieniker". Ich habe dieses Wort in Anführungsstriche gesetzt, um damit anzudeuten, dass es nicht zutraf! Zwar nannten sich die Besucher so, aber es waren doch schließlich mehr Vertreter einer wissenschaftlichen Erbgesundheitslehre. Mit der Rassenforschung war es 1920/21 noch recht schlecht bestellt. Vergeblich suchte ich Klarheit zu gewinnen über unsere Rassen und war daher von dem Besuche der "Rassenhygieniker", so bedeutungsvoll sie auch nach anderer Richtung für mich waren, enttäuscht. (...)
Ich hatte im Jahre 1921 mit diesen Studien, sowie mit den Studien über die Entwicklung des Menschengeschlechtes und die Lehren Darwins ein Gebiet beschritten, zu dem ich mich "instinktiv" hingezogen fühlte. Das Rasseerbgut des Volkes hatte wohl in der Todesnot des Volkes zu mir gesprochen und sollte immer klarer mein bewusstes Handeln beeinflussen.
Hier deutet er seine damalige weltanschauliche Entwicklung vom "Nationalen" zum "Völkischen" an mit dem Vokabular, das ihm erst ab 1924/25 bekannt geworden ist in der Gruppenpsychologie seiner zweiten Frau Mathilde Ludendorff (siehe ihr Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte", 1933).

Im vorliegenden Beitrag sollen Beispiele zusammengestellt werden für den Austausch Ludendorffs mit Chemikern, Medizinern, bzw. mit "Rassenhygienikern".

Ludendorff und der "geborene Demokrat", der Gießener Chemiker Karl Schaum (Februar 1922)


Abb. 1: Karl Schaum - Chemiker (aus: 10)
So wie mit Emil Kraepelin hatte Erich Ludendorff spätestens ab 1916 als Kopf der Obersten Heeresleitung natürlich auch viel mit Naturwissenschaftlern zu tun, schon um Fragen der Kriegsrüstung willen.

Im Herbst 1921 hatte Erich Ludendorff sein Buch "Kriegführung und Politik" abgeschlossen, das 1922 bei dem Verlag Mittler & Sohn in Berlin herauskam. Am 12. Februar 1922 schrieb er nun - sicherlich - an den Gießener Chemiker Direktor Karl Schaum (1870-1947) (engl.) den unten abgebildeten Brief (Herkunft: Ebay, April 2015) (9):
München, Heilmannstr. 5, 12./2. 1922
Sehr geehrter Herr Dir. Schaum!
Vor etwa 14 Tagen gab ich Mittler & Sohn den Auftrag, Ihnen mein letztes Buch zu übersenden. Ich bitte Sie, es als Zeichen meiner Dankbarkeit annehmen zu wollen.
Mit deutschem Gruß
Ludendorff.
Der Brief ist nur sehr kurz gefaßt, was dafür spricht, daß der Austausch mit Karl Schaum ansonsten nicht sehr umfangreich gewesen sein wird. Wofür Ludendorff Karl Schaum Dankbarkeit entgegen brachte, kann vorderhand nur gemutmaßt werden. Karl Schaum ist im Personenverzeichnis von Ludendorffs "Kriegserinnerungen" nicht genannt. Das Spezialgebiet von Karl Schaum war die Photochemie. Über sein Leben heißt es (pdf):
Teilnahme am Ersten Weltkrieg (Luftbildaufklärung)
Und genauer (11, S. 555):
Der Pionier der Photochemie Karl Schaum behandelte in "Photographie und Kriegs-Wissenschaft" zwei Anwendungsgebiete: Aufklärungsarbeit und Ballistik - und wurde als Freiwilliger bald darauf in die Abteilung für Fliegerphotographie eingesetzt.
In dem sehr liebevollen Nachruf des langjährigen Assistenten Schaums finden sich weitere Hinweise. Dort heißt es (10, S. 175):
Im Jahre 1915 aber begegnet auch er selbst uns bereits vorübergehend im Rock des gemeinen Soldaten, wobei er zur fliegerphotographischen Abteilung nach Adlershof bei Berlin verschlagen wird. Von Gesinnung und Haltung ein ebenso unkriegerischer wie unmilitärischer Mensch, trieb ihn ein verpflichtendes Gefühl, nicht abseits stehen zu dürfen, zu freiwilliger Meldung zum Heeresdienst, und damit zum Erlebnis einer Episode, aus der er mit seinem köstlichen Humor später die heitersten, anekdotenhaften Geschichten zu berichten wusste, die noch an Reiz gewannen, wenn man sich dabei die militärisch gewiss recht unglückliche Figur des Soldaten Schaum, des verkleideten Professors, vergegenwärtigte.
An späterer Stelle ist in diesem Nachruf von Karl Schaum übrigens als von jemandem die Rede, der sich gerne als den "geborenen Demokraten" bezeichnet hat. (Da Ludendorffs Zusammenarbeit mit dem "Goldmacher Tausend" erst in einen späteren Zeitraum fällt, kann es sich auch nicht um etwaig eingeholte Auskünfte in Fragen rund um diesen Themenkomplex gehandelt haben.)

Abb. 2: Brief Erich Ludendorffs an den Gießener Chemiker Karl Schaum, 12. Februar 1922 (Herkunft: Ebay, April 2015)(9)







Schaum war nicht der einzige Professor der Universität Gießen, mit dem Erich Ludendorff in diesen Jahren in Verbindung stand. Erich Ludendorff erwähnt auch den evangelischen Theologen Hans Schmidt (1877-1953) (Wiki) (I, S. 181):
Als Professor Schmidt, Gießen, die Alkoholfrage von einer anderen Seite aufgriff und dabei die großen Hemmungen erörterte, die eben unsere Angriffe im Frühjahr und Frühsommer 1918 tatsächlich durch die Plünderung der feindlichen Weinlager erfahren hatten, konnte ich das nur ernst begrüßen.
Er bringt sein Unverständnis über Kameraden zum Ausdruck, die in der Benennung dieser Umstände die "Ehre des Heeres" als beschmutzt ansahen:
Ich war da anderer Ansicht. Nur durch Wahrheit können wir genesen. Die von Professor Schmidt berührten Tatsachen enthielten Wahrheit. (...) Ich mußte mir selbst in der Rechtfertigung des Professors Schmidt Zurückhaltung auferlegen, sonst hätte ich den lieblichen Vorwurf zu hören bekommen, ich suche in dem Alkohol den "Sündenbock" für meine "verfehlte Kriegführung". So sind die Menschen! 
Schon in jungen Jahren hatte Schmidt als Pfarrer in Breslau die Folgen des Akoholmißbrauchs kennengelernt, war dann Soldat im Ersten Weltkrieg und in britischer Kriegsgefangenschaft. 1921 bis 1928 war er Theologie-Professor in Gießen (14, S. 20):
In diesen Gießener Jahren hat Hans Schmidt eine wesentliche Aktivität gegen den Alkoholismus entfaltet. (...) Er gab Reden und Studien heraus unter dem Titel "Die Alkoholfrage in der Religion" (Bd. 1 1926, Bd. 2 1927. (...) Die Alkoholproblematik hat Hans Schmidt offensichtlich nicht losgelassen, daß er ein so bedeutendes Aufgebot an Fachgelehrten zusammengebracht hat, die sich alle mit dieser Problematik unter ihrem Fachthema befassen wollten.
In seiner Schrift "Die Heerführer Deutschlands und der Alkohol im Kriege" aus dem Jahr 1927 brachte er drei Briefe Erich Ludendorffs zu der genannten Thematik. Schmidt schreibt zu diesen Briefen (zit. n. 13, S. 167):
Überall findet man, daß er meine Auffassung von der (verheerenden) Wirkung des Alkohols auf unsere Offensiven im Jahr 1918 teilt.

"Er war voll und ganz Heide" - Der Würzburger Medizinprofessor Geigel


Daß ein so angesehener und weltweit berühmter General wie Erich Ludendorff sich nach dem Kapp-Putsch nach und nach der noch sehr kleinen und unbekannten völkischen Bewegung in Deutschland zuwandte, hat damals viele Menschen beeindruckt. Insbesondere natürlich solche Menschen seiner Generation, die das schon früher getan hatten als er selbst. Und noch einmal wurden viele Menschen beeindruckt, als bekannt wurde, dass er aus der Kirche ausgetreten war. Dies waren jeweils Anlässe dafür, dass sich Menschen aus völkischen und kirchenfreien Kreisen, die heute oft völlig vergessen sind, und die auch Erich Ludendorff zumeist in seinen Lebenserinnerungen gar nicht erwähnt, an ihn gewandt haben. Einige Beispiele sind in früheren Beiträgen hier auf dem Blog schon gebracht worden. Zumeist wird es wohl nur bei oberflächlichen Kontaktaufnahmen geblieben sein. In diesem Blogbeitrag sollen  zwei solcher Kontakte behandelt werden, zum einen mit dem Würzburger Medizinprofessor Richard Geigel und mit dem völkischen Naturwissenschaftler Otto Schmidt-Gibichenfels aus Halle-Rietleben.

Da hatte es in Würzburg einen katholisch getauften Professor der Medizin gegeben mit dem Namen Alois Geigel (1829-1887) (1). Dieser hatte sich schon in den 1880er Jahren öffentlich vom christlichen Glauben losgesagt und einen "deutschen Glauben" vertreten. Dabei war er auch "sonst" keineswegs altbacken-konservativ. Über ihn wird berichtet (2):
Er erkannte - wie vor ihm Rudolf Virchow am gleichen Ort - die Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit und ließ es an sozialkritischer Publizistik nicht fehlen.
Aber dann auch: 
Geigel bekannte sich öffentlich zum Atheismus und zu einer Schwärmerei für die nordische Sagenwelt.
Nun, ein "deutscher Glaube" dürfte nicht so ohne weiteres mit Atheismus gleichzusetzen sein und die Verwendung des Begriffes "Schwärmerei" deutet ebenfalls auf einen christlichen Hintergrund des Autors dieser Zeilen. 1884  jedenfalls hatte Alois Geigel eine Schrift heraus gegeben mit dem Titel "Über Wissen und Glauben", auch erschienen unter dem Titel "Andwaranaut - Ueber Wissen und Glauben", wobei der Begriff Andwaranaut der Name eines Goldringes aus der nordischen Sagenwelt war. Auf diese Schrift hatte ein K. Braun mit einer anderen Schrift geantwortet: " 'Deutscher Glaube'? - Entgegnung auf eine Schrift von Dr. A. Geigel, Prof. der Medicin an der Universität Würzburg - Über Wissen und Glauben". Alois Geigel war schon drei Jahre später im 58. Lebensjahr gestorben.

1919 wird in "Lebensläufe aus Franken" (hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für Fränkische Geschichte, Band 1) über diesen Alois Geigel berichtet (3, S. 106-116):
Geigel ist voll und ganz Heide. Ein der modernen Philosophie wie der Theologie gleich fremder Gottesbegriff wird eingeführt, ein Gott oder ein Göttergeschlecht, Leib und Leben nach Mannesart, selbst geworden, für sich und andere um das Gute und gegen das Schlechte ringend, nach Vollkommenheit strebend .... Erst im Jahre 1914 gelang es seinen Kindern, den Vertrag mit dem Verleger zu lösen und den Andwaranaut in einem ...
Abb. 1: Dr. Richard Geigel (1859-1930), Professor der Medizin in Würzburg

Der Sohn von Alois Geigel, Richard Geigel (1859-1930), scheint also nicht nur beruflich in die Fußstapfen seines Vaters getreten zu sein, indem er ebenfalls Professor der Medizin an der Universität Würzburg wurde. Er scheint dies auch weltanschaulich getan zu haben. Er gehörte zur Generation von Erich Ludendorff, war sechs Jahre älter als er. Wie eben erwähnt, hatte er 1914 die Schrift seines Vaters "Andwaranaut - Ueber Wissen und Glauben" erneut heraus gegeben zusammen mit einem Vorwort von Emil Hubricht, einem damaligen Schriftsteller der völkischen Bewegung.

Richard Geigel scheint auch sonst ein fröhlicher und weltoffener Mann gewesen zu sein. Berichtet doch der berühmte Chemiker Emil Fischer (1852-1919), der Begründer der klassischen organischen Chemie, über ihn (4, S. 122):
Durch Originalität zeichnete sich der Polikliniker Geigel aus, ein Meister in der Abfassung von feinen und leicht ironischen Gutachten, deren sich die Fakultät stets bediente, wenn sie unbequeme Zumutungen des Ministeriums in München bekämpfen wollte. Er war das Haupt einer Musikbande, die aus Würzburger Professoren oder Bürgern bestand - z. B. den beiden Brüdern Stöhr und dem Pharmakologen Kunkel. Während der Herbstferien hauste diese Gesellschaft zu Ammerland am Starnberger See und gab täglich kleine Konzerte, wobei das Hornblasen die Hauptrolle spielte. 
Dieser Brauch scheint auch noch in die 1920er Jahre hinein forgesetzt worden zu sein. Denn irgendwann Ende August eines Jahres zwischen 1924 und 1930 fragte Richard Geigel von Ammerland aus an, ob er Erich Ludendorff in München besuchen kommen könne. Erich Ludendorff antwortete darauf mit folgendem kurzen Brief (5).

Abb. 2: Kurzer Brief Erich Ludendorffs an Professor Richard (?) Geigel, 1920er Jahre

Der Poststempel ist verwischt. Er ist adressiert an "Herrn Prof. Dr. Geigel Ammerland am Starnb. See". Der kurze Brieftext lautet: 
Heilmannstr. 24.8. 
72401 
Sehr geehrter Herr Professor!
Ich bin am 30. wahrscheinlich zu sprechen, ich bitte nach Eintreffen um Anruf.
Mit deutschem Gruß
Ludendorff
Was Richard Geigel mit Erich Ludendorff besprochen hat, kann nur vermutet werden. Wahrscheinlich hat dieses Gespräch stattgefunden, nachdem bekannt geworden war, dass Erich Ludendorff aus der Kirche ausgetreten war, vielleicht auch, nachdem seine Frau Mathilde Ludendorff ihre Schrift "Deutscher Gottglaube" auf seinen Wunsch hin herausgebracht hat, eine sehr volkstümliche Heranführung an einige Inhalte ihrer Philosophie.

Richard Geigel hatte sich auch selbst mit volkstümlichen Schriften beschäftigt. Und sein 1924 erschienenes Buch "Beobachten und Nachdenken - Eine Anleitung zu Naturbeobachtungen" ist erst letzten Herbst vom Springer-Verlag neu herausgegeben worden (6; s. Amazon).

 ______________________________________________ 
  1. Artikel „Geigel, Alois“ von Julius Pagel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 274–275, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Geigel,_Alois&oldid=1705519 (Version vom 20. August 2014, 09:25 Uhr UTC)
  2. Herrlinger, Robert, „Geigel, Nikolaus Alois“, in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 141 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118861638.html
  3. Lebensläufe aus Franken. Hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für Fränkische Geschichte, Band 1. 1919
  4. Fischer, Emil: Aus meinem Leben - Geschrieben in dem Unglücksjahre 1918. Berlin 1922
  5. wolfrich (Verkäufer aus Homburg/Saar): um 1918 General Erich Ludendorff, Brief mit Umschlag, eigenhändige Unterschrift. Ebay-Angebot zum 24. Aug. 2014
  6. Geigel, Richard: Beobachten und Nachdenken - Eine Anleitung zu Naturbeobachtungen. 1924; erneut: Springer-Verlag, Heidelberg 2013 (Amazon)
"Auch aus meiner Einsamkeit heraus kämpfe ich" (22. Juli 1925)

Auch der Naturwissenschaftler und Schriftleiter Dr. Otto Paul Schmidt-Gibichenfels (1861-1933) gehörte zur Generation Erich Ludendorffs. Er war vier Jahre älter als Ludendorff. Aus seinem erhaltenen Briefwechsel mit Ludendorff geht hervor, dass Ludendorff die von ihm herausgegebenen Zeitschriften las und schätzte. Bis 1922 hatte er die vergleichsweise anspruchsvolle völkische Zeitschrift "Politisch-Anthropologische Monatsschrift" (1901-1922) herausgegeben, ab 1925 ihre Nachfolge-Zeitschrift "Die Sonne - Wochenschrift für deutsches Volkstum"  (1925-1927). Die erstere war 1901 von Ludwig Woltmann begründet worden unter dem Titel "Politisch-Anthropologische Revue". Nachdem Woltmann 1907 verunglückt war (im Mittelmeer ertrunken), übernahm zunächst der Lebensreformer Friedrich Landmann dieselbe, gab sie aber 1911 an Dr. Otto Paul Schmidt-Gibichenfels ab (1, S. 291f). Von da an fiel die Auflage der Zeitschrift allmählich ab. Im 10. Jahrgang von 1911/12 finden sich Aufsätze wie:
Arthur Moeller van den Bruck: Die Kultur der Etrusker S. 205-217, Ludwig Schemann: Neues aus der Welt Gobineaus S. 603-612, 635-650
Im 15. Jahrgang von 1916 findet sich Aufsätze wie (672 S.):
Erhaltung und Veredelung der germanischen Rasse; Franz Haiser: Freihandel; H. G. Holle: Nationalitätsprinzip oder völkische Lebenskraft?; Strünckmann: Heereskrankheiten und Kriegsseuchen; Hermann W. Siemens: Kritik der Rassenhygiene; Paul Buchholz: Wie muss die innere Kolonisation geleitet werden?; Ernst Wachler: Rasse und Dichtkunst; Fr. Sigismund: Frauenbewegung und Staat; Bohemicus: Über die Worte "deutsch-böhmisch", "böhmisch" u. ..
Abb. 1: Politisch-Anthropologische Monatsschrift - Monatsschrift für praktische Politik, für politische Bildung und Erziehung auf biologischer Grundlage, Jg. 1916/17
Es handelte sich also um Beiträge sehr allgemeiner Art und ein weites Themenspektrum betreffend. Unter der Herausgeberschaft von Schmidt-Gibichenfels ging die Bezieherzahl der Zeitschrift im ersten Jahr 1911 auf 1.200 zurück und schmolz in den nächsten zehn Jahren auf 800 (1, S. 292):
.... weshalb die Zeitschrift im Sommer 1920 in finanzielle Schwierigkeiten geriet und vom "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund" übernommen wurde, der sie als eine "der besten wissenschaftlichen Zeitschriften zur Förderung rassenbiologischer Erkenntnis" und als das "geistige Rüstzeug für die Durchführung unseres Kampfes um die Erhaltung des Deutschtums" würdigte. Nach dem Verbot des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" stellte die "Politisch-Anthropologische Monatsschrift im Herbst 1922 ihr Erscheinen ein.
Nach Ende der Zeitschrift 1922 tritt Schmidt-Gibichenfels 1925 kurzfristig als Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Sonne - Wochenschrift für deutsches Volkstum" in Erscheinung. 1927 zieht er sich in seinen Geburtsort Nietleben zurück und publiziert in den 1930er Jahren vermehrt über Währungsfragen.
Leider ist aus den bisher zugänglichen Teilen des Briefwechsels zwischen Erich Ludendorff und Gibichenfels nicht alles vollständig und rund rekonstruierbar, so dass viele Fragen offen bleiben und eben vor allem konstatiert werden kann, dass es eine Verbindung zwischen beiden gegeben hat.

Abb. 2: Erich Ludendorff an Otto Paul Schmidt-Gibichenfels, 22. 7. 1925
Man darf vermuten, dass der Brief aus Abb. 1 aus dem Jahr 1925 stammt. Soweit er entzifferbar ist, hat er folgenden Wortlaut:
München, Heilmannstraße den 22.7. [1925]

Geehrter Herr Dr. Schmidt-Gibichenfels!

Aufrichtig freue ich mich, daß Sie jetzt die Schriftleitung der Sonne haben.
Denn damit bekommt sie / ... / wie ihn Ihre Anthropologischen Hefte hatten. 
Für Ihre Stellungnahme in der / ... ... / sage ich ihn(en) meinen Dank. Ich war bisher sehr allein, weil die Menschen so dumm und feige sind und glauben nur ihnen die eigenen ...vorerzählen. Auch aus meiner Einsamkeit heraus kämpfe ich. Bitte lesen Sie den kl. Aufsatz, er erscheint nach einer über den heutigen Tage 14 /?/ und ist hier schon erschienen.

Mit deutschem Gruß
Ludendorff.
Er ist schwer zu entziffern. Falls Leser weitere Lesarten entdecken, bitte melden!

"Ich lese Ihre Zeitschrift aufmerksam" (21. November 1925)

Auch der folgende Brief Ludendorffs könnte datieren auf den 21. 11. 1925. Gegebenenfalls aber auch auf den 21. 11. 1926.

Abb. 3: Erich Ludendorff an Otto Paul Schmidt-Gibichenfels, 21.11.1925 (od. 1926)
Der Wortlaut:
München, Heilmannstr., 21.11. 
Mein lieber Herr Schmidt-Gibichenfels.

Zunächst herzlichen Dank dafür, daß Sie mich auf Ihren Aufsatz hinweisen, nötig war es nicht, denn ich lese Ihre Zeitschrift aufmerksam. Ich stehe ebenfalls auf dem Boden Ihres Aufsatzes und bin auch der Ansicht, daß es in jedem Volk auf die "Herren" /oder "Gene"?/ ankommt. Den Herren wird es leichter, wenn die Masse die Notwendigkeiten einsieht u. die Form versteht. Eine Verbreitung Ihrer Ansichten ist mir immer erwünscht. Wo finden Sie aber auf der Rechten Verständnis für diese Fragen. Sie versteht ja auch nicht, daß um Deutschland zur Gesundung zu bringen, der Bolschewismus in Rußland getroffen werden muß. Und daß in dem Unvermögen, dies zu tun ein Teil unserer verzweiflungsvollen Zustände begründet ist.
Diese Ausführungen würden zu dem passen, was Erich Ludendorff schon über das Jahr 1921 in seinen Lebenserinnerungen schreibt (Bd. I, S. 177):
Auch Interviewer aus anderen fremden Staaten kamen zu mir, namentlich ließ Herr Arnold Rechberg sich angelegen sein, mir solche zuzuführen. Er wirkte für einen europäischen Block gegen Sowjetrußland, der durchaus damals meinen Ansichten entsprach. Wie sollten wir des Kommunismus Herr werden, wenn er uns tagtäglich von Rußland aus gebracht wurde? Bei diesen Besprechungen hörte ich denn auch Ansichten aus den entsprechenden Fremdstaaten.
Vielleicht datiert der Brief darum auch schon auf das Jahr 1921 und beziehen sich Ludendorffs Worte auf die erste Zeitschrift, die Gibichenfels herausgab. Dann würde auch die Redeweise von den "Herren" und von "Herrenschicht", die Ludendorff spätestens 1932 völlig ablehnte, verständlicher sein.

Zumindest im Jahr 1926 hat Otto von Schmidt-Gibichenfels mehrere Artikel in Ludendorffs Wochenzeitung "Deutsche Wochenschau" veröffentlicht über außenpolitische Fragen. So in der Ausgabe vom 14.3.1926 ("Der Rattenfänger" über Gustav Stresemann und anderes).

"Dem Besitz und der Leistung ihre Rechte geben" (5. 1. 1927)

Sodann gibt es noch einen weiteren Brief Ludendorffs an Otto Schmidt-Gibichenfels (s Kotte Autographen, pdf, S. 252 - "E. Brief mit U., o. O., 5. Januar 1927, 3½ Seiten auf 2 Bll. 8"):
Ich bin Ihrer Auffassung. Die Not heute bringt das Volk zur Besinnung, wenn’s sein Recht fordert. So betrachte ich es sogar nur aus /?/ daher, daß es sich nicht von Neuem von dem Juden und der Socialdemokratie einfangen läßt. Für mich ist die wirtschaftliche Frage nur insofern geklärt, daß wir sie erst lösen können nach Überwindung der politischen Machtstellung der Juden. Es ist ein enger Thorlauf [?].  Wenn wir diese Stellung überwinden, dann erst können wir wirtschaftliche  Maßnahmen treffen [...] Wir neigen aber wieder einmal dazu, daß wir uns die Köpfe einschlagen über das, was vielleicht nicht kommen könnte. Eins ist für  mich klar, daß wir beizeiten das Denken der Deutschen umstellen müssen u. dem Besitz u. der Leistung ihre Rechte geben, ebenso dem Dienst wie dem  Besitz an der Gemeinschaft [...].
Otto Paul Schmidt-Gibichenfels schrieb in einem Brief - Nietleben, 16. Februar 1937 wohl 1927 (da Gibichenfels ja schon 1933 starb!) (1 Seite gr.-4°. Gedruckter Briefkopf) - an Erich Ludendorff in Tutzing:
(…) Eure Exzellenz teilen mir (…) mit, daß Sie zur Zeit nicht imstande sind, meine Ihnen übersandte Schrift, die vor kurzem erschienen ist, zu lesen. Da es vielen so ergeht, habe ich in der Anlage versucht, Inhalt und Bedeutung meiner Schrift so kurz und klar, wie nur irgend möglich, darzulegen. Eure Exzellenz wissen sicher auch, daß Bismarck von seinen Räten verlangte, den wesentlichen Inhalt langer Aktenstücke in wenigen Worten wiederzugeben (…)“ 
Hier zeichnet sich eine Distanzierung zwischen beiden ab.

"Ich nehme keine Aufsätze unmittelbar an."

Abb. 4: Erich Ludendorff an Schmidt-Gibichenfels, o. J.
Erich Ludendorff schrieb an den Schriftsteller und Naturwissenschaftler Dr. Schmidt-Gibichenfels in Rietleben bei Halle (E. Brief m. U., o. O., 2. April o. J., Seite 8, Antiquariat): 
M. 2. 4.
Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt Gibichenfels,
 Ich nehme keine Aufsätze unmittelbar an. Diese ist der ... . Mit deutschem Gruß
Ludendorff.
Man müsste sich wohl mit der Person und den Aufsätzen von Otto Schmidt-Gibichenfels noch gründlicher auseinandersetzen, um zu einem lückenloseren Verständnis dieses Briefwechsels kommen zu können.

(Erster Entwurf: 31.10.09, Ergänzung: 27.9.2014, Ergänzung Schaum: 5.4.15)
_________________________________________
  1. Hufenreuter, Gregor: Wege aus den "inneren Krisen" der modernen Kultur durch "folgerichtige Anwendung der natürlichen Entwicklunglehre". Die Politisch-Anthropologische Revue (1902 - 194). In: Michel Grunewald und Uwe Puschner (Hg.): Krisenwahrnehmungen in Deutschland um 1900. Zeitschriften als Foren der Umbruchszeit im wilhelminischen Reich. Peter Lang Verlag, Bern 2010, S. 281 - 296 (Google Bücher)
  2. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Wen soll ich heiraten? Berlin 1907
  3. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Das Problem der besten Gesellschaftsordnung. Thüringische Verlags-Anstalt, Leipzig 1909  
  4. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Der Krieg als Kulturfaktor als Schöpfer und Erhalter der Staaten. Thüringische Verlagsanstalt, Hildburghausen 1912; Verlag Kraft und Schönheit, 1916 (32 S.) (Sonderdruck aus der Politisch-Anthropologischen Revue) (Google Bücher)
  5. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Politisch-Anthropologische Monatsschrift für praktische Politik, für politische Bildung und Erziehung auf biologischer Grundlage. Als "Politisch-Anthropologische Revue" begr. 1901 von Ludwig Woltmann. Thüringische Verlags-Anstalt, Hildburghausen-Berlin: X. Jg., 1911, XIII. Jg., 1915, Politisch-Anthropologischer Verlag, Berlin-Steglitz 1916/1917 XV. Jg., 1916, XIX. Jg., 1920/21 (572 S.), XX. Jahrgang 1921/1922 (566 S.)
  6. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Der Sozialismus im wahren und im falschen Sinne. Polit.-Anthropologischer Verl., 1919 (19 S.) 
  7. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Ordnung der Volks- und Weltwirtschaft auf neuer Grundlage. Ein Beitrag zur Ermöglichung eines wirklichen und dauerhaften Völkerfriedens nach Kriegsende. Akademischer Verlag, Halle 1939, 1940
  8. Erich Ludendorff: E. Brief m. U., o. O., 2. April o. J., ? Seite 8°. An den Schriftsteller u. Naturwissenschaftler Dr. Schmidt-Gibichenfels (1861-1933) in Rietleben b. Halle: "[?] Ich nehme keine Auflage [?] an [?] Mit deutschem Gruß [?]". Anbieter: Kotte Autographs GmbH D - 87672 Roßhaupten  Bestellnummer: 5958 Preis: 150.00 Eur. Auf: Antiquariat [15.1.2012] 
  9. Markus Brandes Autographs ("brandesautographs"): General Erich Ludendorff autographed letter signed. Ebay-Angebot für 262 US-Dollar, 5.4.2015
  10. Hock, Lothar: Karl Schaum zum Gedächtnis. In: Nachrichten der Giessener Hochschulgesellschaft, 17/1948, S. 170-181; auf: Giessener Elektronische Bibliothek, geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/.../NGH_17_1948_170_181.pdf
  11. Maurer, Turde: "... und wir gehören auch dazu". Universität und "Volksgemeinschaft" im Ersten Weltkrieg. Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2015 (GB)
  12. Schmidt, Hans: Die Heerführer Deutschlands und der Alkohol im Kriege. Neuland-Verl., Berlin 1927 (23 S.) 
  13. Hampe, Ilse: Papsch im Ersten Weltkrieg. Briefe eines Stabsoffiziers (GB)
  14. Wallis, Gerhard: Hans Schmidt (1877-1953) - Wesen und Weg. In: Reformation und Neuzeit - 300 Jahre Theologie in Halle, 1694-1994. Hrsg. von Udo Schnelle. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1994 (GB), S. 17-29

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